Silber ist vergangenheit: dhb-frauen jagen jetzt die em-qualifikation
80 Tage nach dem Silberrausch der Heim-WM knallt es wieder. Die deutschen Handball-Frauen starten am Mittwoch in Celje gegen Slowenien in die heiße Phase der EM-Qualifikation – und diesmal will niemand nur halbendenken.
Die stimmung ist angeberisch, der plan klar
Markus Gaugisch presst die Kiefer zusammen, als er sagt: „Wir sind Favorit. Ich erwarte, dass wir das hinkriegen.“ Kein Wischiwaschi, kein Sand im Getriebe. Der Bundestrainer hat seinen Vertrag bis 2028 verlängert, die elfte Silbermedaille ist abgehakt. Jetzt zählen nur noch zwei Siege gegen Slowenien, um die EM-Endrunde zu frieren. Erste Geige spielt Viola Leuchter. Die 21-jährige Linkshänderin wurde zur Nachwuchs-Welthandballerin gekürt, doch statt Champagner spricht sie davon, dass „Vize-Weltmeister sein eine coole Sache“ sei, „aber wir haben alle Bock, jetzt die nächsten Schritte zu gehen“. Ihr 5,5-Tore-Schnitt bei der WM war nur die Eintrittskarte. Die echten Parties stehen noch aus.
Die Fakten sind hart: Wer zweimal gewinnt, spielt im Dezember in Polen, Rumänien, Tschechien, der Slowakei und der Türkei. Wer stolpert, muss im Frühjahr noch mal ran. Die Gruppe 3 führt Deutschland mit 4:0-Punkten an, doch die Sloweninnen haben sich verjüngt und in Celje eine Arena, die bei 11.000 Zuschauern kocht. Katharina Filter, frisch zur Handballerin des Jahres gewählt, flüstert trotzdem: „Ich hab ein gutes Gefühl.“ Das ist kein frommer Wunsch, sondern die Bilanz: Seit 2017 gab es kein Pflichtspiel-Niederlage mehr gegen Slowenien.

Verletzungspech und debüt-nerven
Die Personalie lügt nicht. Xenia Smits und Aimée von Pereira fallen kurzfristig aus, dafür rücken Dana Bleckmann und Jolina Huhnstock nach. Die 19-jährige Farrelle Njinkeu vom HSG Blomberg-Lippe darf sogar ihr Länderspiel-Debüt feiern – ein Risiko, das Gaugisch bewusst eingeht. „Wir haben genug Qualität, um zwei Mal zu gewinnen“, sagt er und meint damit auch die Bank. Die Breite ist das neue Selbstverständnis. Mit Alina Grijseels und Emily Vogel stehen zwei Rückraum-Motoren bereit, die in Ungarn bereits international Dampf gemacht haben.
Doch der Teufel steckt im Detail. Die Sloweninnen haben ihre beste Torschützin Ana Gros zurück, die in der slowenischen Liga 8,7 Tore pro Match wirft. Und sie spielen zuhause. „Die werden uns nichts schenken“, warnt Gaugisch. Deshalb fliegt die DHB-Delegation direkt nach dem Training am Dienstagabend, um die letzten zehn Prozent Leistung aus den Beinen zu quetschen. Die Taktik ist simpel: früh stören, schnell umstellen, Leuchter auf Rechtsaußen durchziehen lassen. Die Physios haben zusätzliche Eisbeutel im Gepäck.

Los angeles liegt in der ferne, zuerst kommt heidelberg
Das Olympia-Ziel 2028 in Los Angeles schwebt wie ein Nebelfetzen über jedem Gespräch. Doch bevor es nach Kalifornien geht, muss am Sonntag um 15.30 Uhr in Heidelberg die Rechnung stimmen. ProSieben Maxx überträgt live, die SAP-Arena ist auf 13.500 Plätze hochskaliert. Karten gibt es nur noch auf dem Zweitmarkt. Der Andrang ist ein Indiz: Der Silber-Coup hat eine neue Fan-Generation mobilisiert. Die U18-Mädchen-Teams der Region schicken Videobotschaften, die TikTok-Hashtags #wirhabenbock und #dhbfrauen haben zusammen bereits 4,7 Millionen Aufrufe generiert.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Seit der WM haben die Frauen 12.000 neue Follower auf Instagram dazugewonnen, der DHB-Onlineshop verzeichnet 38 % mehr Merchandise-Umsatz. Doch Marie Steffen wischt den Hype beiseite: „Am Mittwoch zählt nur das erste Tor.“ Sie selbst will es erzielen. Nach dem Kreuzbandriss vor zwei Jahren ist die 26-jährige Kreisläuferin zur Comeback-Story geworden. „Ich habe gelernt, dass man die Momente packen muss, nicht postet“, sagt sie und meint damit auch die 60 Minuten in Celje.
Um 18 Uhr ist Anwurf. Die Busfahrt zum Flugzeug dauert 23 Minuten, der Flug nach Ljubljana 1:15 Stunden. Dann noch 75 Minuten mit dem Teambus nach Celje. Alles ist durchgetaktet, selbst das Frühstück am Mittwoch: Proteinriegel, Bananen, Kaffee – kein Zucker, keine Experimente. Gaugisch hat die Uhr seines Assistenten auf 15 Sekunden vorgestellt, damit jede Anspiel-Variante im Training sitzt. Die letzte Frage der Pressekonferenz lautet: „Was passiert bei einer Niederlage?“ Er lacht kurz, dann wird sein Blick schmal. „Dann fliegen wir trotzdem nach Hause, aber mit schlechterer Laune. Daran wollen wir nicht denken.“
Die Silbermedaille liegt im Tresor des Deutschen Handball Bundes. Die nächste soll aus purem Gold bestehen – zumindest aus zwei Siegen, die den Weg zur EM ebnen. Die Spielerinnen haben ihre Handtaschen gepackt, die Nationalhymne als Klingelton eingestellt. In Celje geht es um nicht weniger als die Zukunft einer ganzen Sportart, die endlich wieder Tage voller Siege statt Silber sehen will. Der Countdown läuft. Los geht's.
