Shiffrin jagt moser-prölls jahrhundert-rekord – und lacht hass im gesicht
125 Punkte betragen der Vorsprung, den Mikaela Shiffrin vor dem Riesenslalom von Are auf Emma Aicher hat – und trotzdem wirkt die Duftmarke nach Sieg wie ein Fliegengewicht. Die 30-Jährige postet ein Auto-Selfie mit der Schweizer Konkurrentin Camille Rast, fragt auf Instagram: „Emma Aicher, wo bist du?“, bekommt eine Zungen-Blödel-Foto-Antwort. So beginnt das vielleicht vorentscheidende Weltcup-Wochenende: mit Memes statt mit Muskelspielen.
Gold von cortina wäscht olympia-schelte weg
Die Leichtigkeit ist kein Zufall. In Peking war Shiffrin nach drei Fehlversuchen Hasswelle und Depression zugleich; in Cortina d’Ampezzo fuhr sie mit 1,49 Sekunden Vorsprung Olympia-Gold im Slalom – und schloss mit den fünf Ringen Frieden. „Überall klebten Mantras, mein ganzes Team war da, auch mein Psychologe“, sagte sie der US-Talkshow von Ex-Footballer Pat McAfee. Die Medaillenkette wog 526 Gramm, genug, um ein Jahr voller Social-Media-Schelte zu kompensieren. Shiffrin nahm sich nach den Spielen eine digitale Auszeit, später veröffentlichte sie Screenshots: „Worthless piece of sh…“ stand da, oder „Schäm dich, du Verräterin“. Grund war ihr öffentlicher Appell für Diversität und Inklusion in den USA. Statt zu antworten, fuhr sie einfach weiter – auf die Spitze der ewigen Siegeliste.

Are ist ihr persönlicher big bang
Der Ort ist kein Zufall. Am 20. Dezember 2012 gewann Shiffrin hier ihr erstes Weltcup-Rennen, Slalom, im Alter von 17. Emma Aicher war neun, wohnte 40 Kilometer entfernt in Sundsvall und schaute im Fernsehen. Zwölf Jahre später soll genau dort der sechste Gesamtweltcup entschieden werden – ein Rekord, den bisher nur Annemarie Moser-Pröll hält. Vier Rennen folgen noch in Lillehammer, doch die große Kugel kann schon am Sonntagabend in ihr Gepäck wandern, das diesmal hoffentlich komplett in Schweden ankommt.

Der übergang, der keiner ist
„Ich bin an einem Übergang“, sagte Shiffrin unlängst. Gemeint ist keine Abkehr, sondern ein Recalibrating. 108 Weltcup-Siege, 166 Podestplätze, acht WM-Titel – die Zahlen sind so absurd, dass sie selbst die Athletin lachen lässt. Der Druck, sich vor jedem Start zu übergeben, gehört der Vergangenheit an. Stattdessen plant sie schon die nächsten vier Jahre. Olympia 2030 in den franzischen Alpen? „Vier Jahre fühlen sich an wie eine Ewigkeit – und vergehen im Flug“, sagt sie. Für heute gilt: Erst mal den Riesenslalom um 10 Uhr, dann den Slalom am Sonntag um 9.30 Uhr. Alles live, alles offen – und alles andere wäre eine Sensation. Wenn Shiffrin in Are jubelt, dürfte Emma Aicher von der Couch aus mit der Zunge schnippeln – diesmal als Fan. Die Rekordjagd ist auch eine kleine Versöhnung mit dem eigenen Anspruch. Shiffrin selbst formuliert es so: „Ich liebe Skifahren.“ Mehr muss sie nicht sagen. Die Zeitung macht den Rest.
