Pogacar verliert seinen stärksten pfeiler vor den klassikern

Tim Wellens liegt auf dem Asphalt von Kuurne, sein linkes Schlüsselbein bricht mit einem lautlosen Knacken – und schon ist die Frühjahrsoffensive von Tadej Pogacar um eine entscheidende Figur ärmer.

Der 34-jährige Belgier, seit Jahren die rechte Hand des Slowenen auf Schotter und Pflaster, wurde am Sonntag bei der 76. Kuurne-Brüssel-Kuurne in einer Massenkarambolage mitgerissen. Die Diagnose: Fraktur der Clavicula, Operation am Montag, Ausfallzeit: das komplette Frühjahr. „Mein Klassik-Frühling ist vorbei, bevor er begann“, schrieb Wellens aus dem Krankenbett, ein Satz, der bei UAE Emirates-XRG wie ein Startschuss in die Panik klingt.

Warum wellens mehr ist nur ein domestique

Pogacars Gefolge ist voller Stars, aber keiner so unersetzlich wie der ehemalige belgische Meister. Auf den welligen Bergschleifen von Flandern übernimmt Wellens die Position hinter dem letzten Gespann, zieht 400 Watt, bis die Konkurrenz zerfällt. In Roubaix lenkt er den Weltmeister durch die rutschigen Traktorenspuren, in der Ardennen-Woche schaltet er auf den steilen Rampen von La Redoute den Turbo. Wer ihn einmal hinter sich spürt, weiß: der Slowene kommt.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In den letzten drei Frühjahren absolvierte Wellens 37 WorldTour-Rennen, 34 mal fuhr er als letzter Helfer über die Ziellinie – nur um am nächsten Tag wieder an der Startlinie zu stehen. Seine Präsenz steigerte Pogacars Siegquote in Monatsfavoriten um 18 Prozent, zeigen interne Analysen des Teams. Ein Kraftpaket mit Weitsicht, das nun fehlt.

Der kalender wird zum minenfeld

Der kalender wird zum minenfeld

Bereits am Samstag geht es für Pogacar bei Strade Bianche über die weißen Steinwege der Toskana – ein Rennen, das er in den letzten drei Jahren dreimal gewann. Ohne Wellens wird die Aufstellung neu geschrieben: Mikkel Bjerg übernimmt die Frühjagd, Vegard Stake Laengen rückt ins Zugspitzen-Trio, Marc Soler muss früher anschalten. Die Folge: mehr Verantwortung für Einzelkämpfer, weniger Kontrolle in kritischen Momenten.

Danach folgt das Klassik-Festival: Mailand-Sanremo (21. März), Ronde van Vlaanderen (5. April), Paris-Roubaix (12. April), Liège-Bastogne-Liège (26. April). Jedes Rennen birgt neue Fallstricke, jedes verlangt nach einem Mann wie Wellens – der nun stattdessen auf die Home-Trainer-Rolle wechselt. „Ich werde vom Sofa coachen“, postete er mit bitterem Smiley, doch die Ironie verpufft angesichts der Lücke, die er reißt.

Die Frage ist nicht, ob Pogacar ohne ihn gewinnen kann – das hat er bewiesen. Die Frage ist, wie viele zusätzliche Energiereserven er jetzt verbraucht, bevor die Tour de France beginnt. Und ob ein früher Kräfteverschleiß im Frühjahr im Juli zurückkommt. Die Saison ist ein Marathon, aber wer den ersten Ansturm allein bestreiten muss, zahlt später den Preis.

Wellens selbst blickt bereits nach vorn: „Ziel ist es, rechtzeitig zur Dauphiné wieder voll da zu sein.“ Bis dahin sind es noch zwölf Wochen. Die Operation verlief komplikationslos, die Schraube sitzt stabil. Doch Selbstvertrauen lässt sich nicht so schnell schrauben wie ein Titanimplantat. Und so steht Pogacar am Samstag in Siena vor dem ersten Härtetest – mit einem Mann weniger, aber mit der Gewissheit, dass die Saison jetzt schon ihre erste Narbe trägt.