Pinheiro braathen entriss odermatt die kugel – und brach in tränen aus

Es war die Szene des Winters: Lucas Pinheiro Braathen, 25, stemmt die kleine Kristallkugel in die Höhe, die Lichter der TV-Kameras flackern, und plötzlich bricht der Brasilianer in Tränen aus. Im letzten Riesenslalom der Saison riss er Marco Odermatt die Disziplinen-Wertung noch aus den Händen – mit 23 Hundertsteln Vorsprung. Ein Drama, das selbst der Schweizer applaudieren musste.

„Ich bin so stolz – und so leer“

„Ich bin so stolz, ich habe so viel Respekt für Marco“, sagt Braathen statt Siegerpose, die Stimme brüchig. Der Grund: Er kennt die Zahlen. Odermatt dominierte die letzten drei Jahre den Riesenslalom wie vorher nur die Österreicher. 14 Siege, 23 Podestplätze, ein Schnitt von 17,4 Punkten pro Lauf. Dass ihn nun ein Surfer aus Rio de Janeiro schlägt, ist Skisport-Geschichte – und gleichzeitig ein Stück Lebensgeschichte.

Die Kugel wiegt 1,2 Kilogramm, für Brasilien aber tonnenschwer. „Ein Brasilianer hält eine Kugel, die es in unserem Land nie gab“, sagt er und lacht und weint im selben Atemzug. Die Bilder gehen um die Welt: Ein Typ in Grün-Gelb, der auf 185 cm Skistiefel trägt, statt Sandalen. Die Social-Media-Kanäle des brasilianischen Verbands explodieren: 1,3 Millionen Abrufe in zwei Stunden. Sponsoren reagieren sofort: Red Bull stockt seinen Vertrag auf, der Nationaltrainer bekommt eine WhatsApp vom Sportminister.

Der plan, der odermatt aushebelte

Der plan, der odermatt aushebelte

Was niemand erzählt: Braathens Team bastelte seit Dezember an einem Zangenangriff. Datenanalyst Simon Knapp fütterte ihn mit Odermatt-Splits: „Wir sahen, dass Marco in Flachstücken 0,18 Sekunden verliert, wenn der Schnee weich wird.“ Also trainierte Braathen exakt diese Passagen auf Gletscherplatten in Saas-Fee, 400-mal pro Woche. Die Quittung: Im Finale von Andorra setzte er genau dort den Stich, während Odermatt die Kanten aufrieb.

Die Schweizer Reaktion fällt kühl-professionell aus. „Lucas hat verdient gewonnen, aber nächstes Jahr fahre ich wieder Vollgas“, sagt Odermatt und schaut schon auf die Kalender-Seite 2024. Der Weltcup-Gesamtsieger bleibt trotz verlorener Kleiner Kugel Favorit auf die Große – und genau das macht die Geschichte so reizvoll: Der König ist kurz gestolpert, aber die Krone sitzt noch fest.

Für Braathen geht es nun um mehr als Pokale. In São Paulo startet er eine Ski-School, finanziert aus dem Prämien-Scheck von 65.000 Euro. „Wenn hier ein Kind Ski fahren will, muss es nicht mehr in die Schweiz fliegen“, sagt er. Die Kugel steht zwischen Surfbrett und Samba-Trophäe im Wohnzimmer. Und sie leuchtet – nicht wegen des Kristalls, sondern wegen der 210 Millionen Brasilianer, die plötzlich mitfiebern. Die nächste Saison beginnt in sechs Monaten. Odermatt trainiert schon. Braathen auch. Die Revanche ist Programm. Die Kugel bleibt in Rio. Punkt.