Olympiasieger jacquelin jagt pantanis geist auf dem asphalt
Émilien Jacquelin trägt Marco Pantanis silbernen Ohrring ins Peloton. Der Biathlon-Weltmeister von Antholz wechselt für sechs Monate zu Decathlon-CMA CGM und lässt die Loipe hinter sich – zumindest bis die Tour wieder in die Berge geht.
Von schnee zu straße: ein kindheitstraum mit 30
Am 1. Mai steht er erstmals am Start eines Rennens, das keine Scheiben, sondern Asphalt zählt. Jacquelin hat die Entscheidung nicht aus Frust getroffen, sondern aus purer Neugier. „Ich bin schon immer Rad gefahren“, sagt er, „aber jetzt wird jeder Tag ein Sprint gegen die Uhr.“ Der Franzose will nicht einfach mitfahren, er will angreifen – und dabei den Ohrring tragen, den er von Pantani geerbt hat.
Es ist dieselbe Tour de France 1998, die damals einen Jungen aus Besançon elektrisierte. Heute, 28 Jahre später, wird aus dem Fan ein Profi, der sich nicht mit einer Nebenrolle zufriedengibt. Jean-Baptiste Quiclet, Sportdirektor des Teams, redet nicht von Marketing, sondern von „verschlafenen Watt“ im Bein des Franzosen. Die Daten aus den Trainingslagern zeigen: Jacquelin steht mit 5,8 Watt/kg im 20-Minuten-Test bereits im unteren WorldTour-Feld. Genug, um echte Chancen zu wittern.

Florian lipowitz liefert die blaupause
Der Münchner, einst selbst Biathlet, fuhr 2025 auf das Podium der Tour de France. Sein Weg ist längst kein Einzelfall mehr, sondern ein Lehrbeispiel für Athleten, die Spitzensport als Transferleistung verstehen. Jacquelin hat Lipowitz kontaktiert, sich Trainingspläne geben lassen, die Frage nach der Kalorienzufuhr geklärt. Was er nicht fragte: wie sich der Körper an 200 Tage Wettkampfstress anpasst. Das will er selbst herausfinden.
Die Winterspiele 2030 in den französischen Alpen bleiben sein fernes Ziel. Doch zwischen jetzt und dann liegt eine Saison voller Klassiker, Zeitfahren und vielleicht sogar ein Sturz auf Kopfsteinpflaster. Jacquelin nimmt das Risiko in Kauf. „Wer nicht fällt, träumt nicht groß genug“, sagt er und spult das Bild von Pantani vor dem Kopf herunter, der 1998 auf dem Mont Ventoux jubelte.
Am 1. Mai rollt der Peloton durch Vlaanderen. Jacquelin wird dabei sein, der Ohrring im Ohr, das Herz zwischen zwei Sportarten. Und wenn er dann in der Hölgenstraat den ersten Angriff zündet, weiß er: Das ist kein PR-Gag mehr, sondern ein Kampf gegen die eigenen Grenzen. Die Uhr tickt – und sie misst nicht mehr nur Schneetemperaturen, sondern Watt, Pulsschläge und den Traum eines kleinen Jungen, der einmal so schnell sein will wie sein toter Held.
