Nasse-meyfarth mit 70: scharfe kritik an der sportgeschichte!
Ulrike Nasse-Meyfarth, die zweimalige Olympia-Hochsprungsiegerin, hat an ihrem 70. Geburtstag eine deutliche Ansage an die deutsche Sportszene gemacht. In einem Interview mit der Welt am Sonntag prangerte die Legende die mangelnde Wertschätzung für Sportler aus der ehemaligen DDR an und warf der westdeutschen Erinnerungskultur eine bemerkenswerte Fokussierung auf ihre eigenen Erfolge vor.
Ein vermächtnis im schatten: die ddr-sportler
„Ich finde es unsäglich, wie wenig Respekt ostdeutschen Olympiasiegern, Weltmeistern und sonst erfolgreichen Athleten entgegengebracht wurde und wird“, so Nasse-Meyfarth. Ihre Worte treffen einen Nerv, da die Diskussion um Doping und Stasi-Verbindungen bei DDR-Sportlern oft zu pauschalen Verurteilungen führt, ohne die individuellen Umstände zu berücksichtigen. Die ehemalige Hochspringerin fordert eine differenziertere Betrachtung: Wurde jemand wissentlich in dubiose Praktiken verwickelt? Hat ein Stasi-Mitglied jemandem geschadet? Diese Fragen bleiben unbeantwortet, während die vorsätzliche Individualdoping-Praxis im Westen schlichtweg ignoriert wird.

Die verpasste chance der wiedervereinigung
Nasse-Meyfarth sieht in der „Ignoranz und Arroganz“ der westdeutschen Sportszene einen Grund für die sportlichen Desaster im vereinten Deutschland. „Es war auch kurzsichtig und überheblich vom Westen, im Zuge der Wiedervereinigung nicht das in der DDR praktizierte Talentsichtungs-, Auswahl- und Fördersystem übernommen zu haben“, kritisiert sie. Dieses System, so betont sie, war die Basis für den Erfolg – nicht das Doping. Hätte man sich daran orientiert, stünde der deutsche Sport heute nicht so schlecht da.

Der triumph von münchen und die last des ruhms
Die Erinnerung an ihren sensationellen Sieg bei den Olympischen Spielen 1972 in München, als sie mit nur 16 Jahren Gold gewann und sogar den Weltrekord im Hochsprung egalisierte, ist für Nasse-Meyfarth ambivalent. „Nichts war mehr so, wie es sein sollte“, blickt sie zurück. Der plötzliche Ruhm und die Erwartungshaltung lasteten schwer auf der jungen Athletin, die sich mit der Situation überfordert fühlte. Selbst die Erinnerung an den Sieg ist von einem Hauch von Bitterkeit getrübt: „Ich hab gesehen, wie mein Name auf der Anzeigentafel immer höher kletterte. Und wie das Publikum hinter mir stand. Aber als ich die 1,90 Meter einmal gerissen habe, haben sie gebuht.“

Von los angeles zur hall of fame und einem verpassten ehrentitel
Zwölf Jahre später krönte sie sich in Los Angeles mit ihrem zweiten Olympia-Gold, ein Triumph, der ihr mindestens genauso viel bedeutet wie der Sieg in München. Ihre Karriere gipfelte in viermaligem Sportlerin des Jahres und drei „Goldenen Ottos“. 1987 heiratete sie den Kölner Rechtsanwalt Roland Nasse und engagierte sich später als Trainerin und Talentsichterin. Ein Ehrentitel der IAAF im Jahr 2015 lehnte sie jedoch ab, nachdem sie von Drohungen nach einer öffentlichen Kritik an dem damaligen IAAF-Chef Lamine Diack betroffen war. „Von solch einem Dreckschwein wollte ich mich nicht ehren lassen“, erklärte Nasse-Meyfarth unmissverständlich.
Die Geschichte von Ulrike Nasse-Meyfarth ist ein Spiegelbild deutscher Sportgeschichte – voller Triumphe, Tragödien und unbeantworteter Fragen. Ihre heutige Kritik ist ein Weckruf an die deutsche Sportwelt, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten und eine gerechtere Anerkennung für alle Athleten zu schaffen, unabhängig von ihrer Herkunft oder politischen Zugehörigkeit.
