Nagelsmann zieht die daumenschrauben an: wm-kader kommt früher als gedacht

Der Countdown läuft. Am 12. Mai um 13 Uhr schlägt Nagelsmann die Bücher zu und die Türen auf: Wer bei der WM dabei ist, steht fest. 33 Tage vor dem ersten Pflichtspiel, 43 vor dem ersten WM-Kick. Früher als jemals zuvor. Früher, als selbst die Spieler es erwarten.

Warum der bundestrauer jetzt schon die bombe platzen lässt

Nagelsmann hasst Langeweile. Und er hasst es, wenn andere für ihn reden. Deshalb nimmt er das Heft selbst in die Hand, beilaufig, wie man eine Jacke über die Schultern wirft. Kein großes Theater, keine Live-Show, keine 90-Minuten-Enthüllung. Nur ein Fax an die FIFA, ein PDF an die Presse, ein Satz: „Das ist meine 23.“

Die Methode ist kaltschnäuzig, aber logisch. Nach dem Ghana-Test am Dienstag bleiben nur noch zwei Showcases: Finnland und die USA. Drei Spiele, um 50 Kandidaten auf 23 Plätze zu kürzen. Die Rechnung geht nicht auf, wenn man wartet. Also entscheidet Nagelsmann jetzt. Den Rest der Vorbereitung nutzt er, um den Gewählten zu schleifen, nicht um Hoffnungen am Leben zu erhalten.

Die Spieler kriegen es per WhatsApp. Kein Anruf, kein Handschlag. „Du bist dabei“ – grünes Häkchen. „Du nicht“ – zwei graue Striche. So läuft das im modernen Fußball. Emotionen sind Privatsache, Zeitpläne sind heilig.

Winston-salem wird zur endstation, nicht zur wiege

Winston-salem wird zur endstation, nicht zur wiege

Der Ort ist Programm. Winston-Salem klingt nach Zigaretten und College-Basketball. Genau dort zieht die DFB-Elf ihr Lager auf, fernab der Metropolen, abseits der Klatschreporter. 100.000 Einwohner, ein Campus, ein Stadion – fertig. Kein Scheinwerfer, kein Rotlicht, nur Trainingsplätze, die nach frisch gemähtem Gras riechen.

Die letzte Woche vor dem Turnier verbringt die Mannschaft dort, eingekapselt wie in einem Biotop. Wer da noch seine Form finden will, ist zu spät dran. Das Fitnesszentrum der Wake-Forest-University wird zur Schaltzentrale, das Hampton-Inn zur Isolierstation. Nagelsmann nennt das „Reduktion aufs Wesentliche“. Die Spieler nennen es „Knast mit Golfplatz“.

Trainingslager vorher? Klar, aber ohne Hype. Vom 25. Mai an rollen die Busse ins adidas-Camp nach Herzogenaurach. Keine Kameras, keine Fans, nur Zahlen auf Pulsmessern und Befehle in Earbuds. Drei Tage, um die letzten Mikrofaser-Tears zu reparieren, um die Köpfe leer zu kriegen, bevor sie voll werden mit Gruppengegnern, Achtelfinal-Tabellen und Elfmeter-Apps.

Die gruppe der drei: curacao, elfenbeinküste, ecuador

Die gruppe der drei: curacao, elfenbeinküste, ecuador

Der Auftaktgegner klingt wie ein Tippfehler. Curacao, Insel, 155.000 Einwohner, FIFA-Rang 86. Kein Neuling, aber ein Novum. Der viermalige Weltmeister gegen ein Team, das seinen ersten Punkt bei einer WM noch gewartet hat. Nagelsmann wird es nicht sagen, aber er weiß: Ein Sieg muss her, und er muss glänzend aussehen. Torverhältnis, Selbstvertrauen, Gruppendynamik – alles hängt am 14. Juni, 19 Uhr, Houston.

Dann kommt Toronto, 20. Juni, 22 Uhr. Elfenbeinküste. Frankreichs Afrika-Fraktion in Neongelb. Ein halbes Dutzend Premier-League-Rüpel, dazu Pepe und Gbamin. Das ist kein Test mehr, das ist K.o.-Vorspiel. Und zum Schluss Ecuador in East Rutherford, fünf Tage später. Metalltempo, Höhenluft der Anden in den Beinen, New Jersey-Sumpf in der Lunge. Wer da noch Luft hat, gewinnt die Gruppe. Wer nicht, fliegt nach Hause und erklärt einem Podcast, warum eigentlich alles Pech war.

Die Tage sind gezählt, die Plätze sind besetzt, die Koffer sind halb gepackt. Am 12. Mai ist Schluss mit „Könnte“, „sollte“, „vielleicht“. Dann heißt es nur noch: „Ist“. Und für die, die draußen sind, beginnt der längste Sommer ihrer Karriere. 35 Grad, leere Trikotboxen, Fernseher an, Bild aus.