Mihambo läuft 150 m in 17,93 – und wird trotzdem zur heldin der kurve
Pliezhausen ist ein Kaff mit 8.000 Seelen, doch an diesem Sonntag zittert das Schönbuchstadion. Olympiasiegerin Malaika Mihambo sprintet hier über 80 und 150 Meter – keine olympische Disziplin, keine Medaille, nur blankes Testpuls. 17,93 Sekunden stehen am Ende auf der Uhr. Platz sieben. Die Menge tobt trotzdem, als hätte sie gerade 7,90 m gesprungen.
Warum sich die größte deutsche leichtathletik-ikone absichtlich blamieren lässt
„Die Beine sind noch platt vom Trainingslager“, sagt sie und wischt sich die feuchten Haare aus dem Gesicht. Zehn Tage zuvor kam sie aus Potchefstroom zurück, dort hat sie im Sand der High-Performance-Anlage 180 Sprünge gemacht, dazu Olympic-Lifts und Core-Work bis zur Erbrechensgrenze. Jetzt also 80 m in 9,67 s – 0,22 s langsamer als TV-Sulz-Talent Rosina Schneider, 21, frisch gebackene Siegerin und hurdenhungrig für LA 2028.
Mihambo lacht. „Ich brauche die Schnelligkeit, aber 40 m reichen im Weitsprung. Alles darüber ist reines Bonusprogramm.“ Ihr Coach Ulrich Knapp notiert stolz: Unter 9,70 – Ziel erfüllt. Die Kinder kriegen das nicht mit. Sie drängeln sich an der Bande, halten selbstgebastelte Fähnchen hoch: „Malaika, spring für uns!“ Sie springt nicht. Sie unterschreibt. Dutzende Karten, ein Trikot, ein Turnschuh – aber keinen Stift. „Wer keinen dabei hat, kriegt eben keins“, sagt sie und zwinkert. Kein Star-Allüren, nur ehrliche Gelassenheit.

Die konkurrentin, die nebenan gewinnt und trotzdem applaudiert
Rosina Schneider feiert ihren Doppelsieg, 9,45 s über 80 m, 17,28 s über 150 m. Sie kommt aus Empfingen, zehn Kilometer die Straße runter. „Ich habe hier gelernt, zu rennen, bevor ich laufen konnte“, sagt sie. Auf dem Podest drückt Mihambo ihr die Hand, flüstert: „Zeit, dass du mir den Start wegnimmst.“ Beide lachen. Die Fotografen fressen es.
Das Geheimnis des Meetings: Kein VIP-Bereich, kein Security-Ring. Die Weltmeisterin steht in der Warteschlange für die Toilette, trinkt Cola aus der Dose, diskutiert mit einem Zwölfjährigen über Blockschuhe. „So nah kommt man sonst nie ran“, sagt dessen Mutter und reißt ein Handyfoto. Die Kurve ist tatsächlich krumm, die Runde 314 m statt 400 – ein vermessener Irrtum, der 1991 passierte und nie korrigiert wurde. Die Veranstalter behaupten stur, das mache das Rennen „charakteristisch“. Mihambo findet’s „urig“.

Der countdown läuft: 83 tage bis birmingham
Am 10. August beginnt in Birmingham die EM. Mihambo muss dort 6,80 m springen, um Titel und Nerven zu verteidigen. Die Wettkampfpause seit dem Hallen-EM-Gold wog 104 Tage. „Ich spüre die Sprungkraft noch nicht, aber die Muskeln erinnern sich“, sagt sie. Knapp hat die Belastung um 15 % erhöht, dafür die Sprungzahl reduziert. Kein Risiko, keine Show. „Wenn ich in Pliezhausen gewinnen würde, wäre etwas falsch gelaufen“, sagt sie und meint: Sie will erst in drei Monaten gewinnen.
Die Sonne senkt sich über die Schwäbische Alb, die letzten Eltern räumen Picknickdecken zusammen. Mihambo winkt, steigt in einen silbernen VW-Bus – kein Chauffeur, nur Teamfahrer Holger. Bevor sie einsteigt, dreht sie sich noch einmal um. „Das hier ist kein Rückschritt, das ist Startblock-Nostalgie“, sagt sie. Dann klappert die Schiebetür zu, und der Bus rollt Richtung Autobahn. In 83 Tagen wird niemand mehr an 17,93 Sekunden über 150 Meter denken. Dann zählt nur eine Zahl: 7,00 Meter in der Qualifikation. Die Kids von heute werden vor dem Fernseher sitzen und sich erinnern: Ich habe ihren Autograph – und sie hatte keinen Stift dabei.
