Mathias gidsel packt aus: der beste handballer der welt kämpfte heimlich gegen sich selbst

Er trifft, er siegt, er strahlt – und doch war Mathias Gidsel längst nicht immer der strahlende Held. Hinter den drei Welthandballer-Trophäen und dem Rekord-Siegessog der Füchse Berlin verbirgt sich ein Mental-Crash, den niemand sah. Jetzt spricht der Superstar erstmals offen über die Zeit, in der ihm der Ball plötzlich zu schwer wurde.

Die ägyptische nacht, die alles veränderte

Es war der 15. Januar 2021, Gidsels Debüt bei der WM in Ägypten. Zehn Tore gegen Chile, dänischer Rekord, Instagram explodiert, die Agenturen buchstaben ihn als „neuen Nielsen“. Doch nachts im Hotelzimmer schlug der Höhenflug in ein nervliches Vakuum um. „Ich lag wach und merkte: Der Kopf ist leer, aber gleichzeitig laut“, sagt er der Bild. „Plötzlich hatte ich Angst vor dem nächsten Spiel, nicht vor dem Gegner – vor mir selbst.“

Was folgte, war kein klassischer Burn-out mit Tränen und Therapeutensofa. Gidsel ging weiter zur Arbeit, erzielte weiter 30-Tore-Monate, lächelte in Kameras. Zwischen den Trainingseinheiten buchte er Mentaltrainer Nummer eins, zwei, drei. „Ich habe wie ein Irrer Körperarbeit gemacht, aber den Kopf vernachlässigt. Irgendwann funktioniert auch der stärkste Oberschenkel nicht mehr, wenn das Gehirm S.O.S. sendet.“

Verletzungen, die kein mrt findet

Verletzungen, die kein mrt findet

Den Kreuzbandriss 2018 erwähnt er nur am Rande – drei Monate Reha, keine große Story. Die wahre Verletzung war unsichtbar: Perfektionismus als Dauerspielmodus. „Wenn du drei Mal Welthandballer wirst, glaubst du, du müsstest eigentlich immer besser werden. Das ist ein Hamsterrad mit Turbo.“ Die Zahlen sprechen für sich: Seit Ägypten verpasste Gidsel kein einziges Länderspiel, absolvierte 78 Pflichtspiele pro Saison – ein Belastungsprotokoll, das selbst Handball-Roboter kaum überleben.

Erst als Freundin og Familie „Not-Stopp“ riefen, stieg er runter. Heute checkt er nach jedem Spiel sein „Mental-Kicker-Protokoll“: Schlafdauer, Herzfrequenz beim Aufwachen, Emoji-Befindlichkeit. „Wenn die Zahlen rot werden, sage ich Nein. Das war früher undenkbar.“

Die botschaft hinter dem goldenen schleier

Die botschaft hinter dem goldenen schleier

Gidsels Offenheit kommt nicht aus dem Nichts. In der Bundesliga kugeln sich 23 % der Profis laut Spielergewerkschaft mit psychischen Symptomen – nur redet kaum jemand. Der Rekordweltmeister wählt nun genau dieses Narrativ, um den Mythos Gidsel zu entschärfen. „Ich will, dass junge Spieler wissen: Du darfst auch mal 6 von 10 Würfen verpatzen und trotzdem gut sein.“

Am Sonntag steht das Topspiel Füchse vs. Magdeburg an. Die Wettquoten sehen ihn wieder bei 9,5 Treffern. Gidsel lacht: „Die Statistik kenne ich nicht. Aber wenn ich morgen nur acht Tore werfe und glücklich bin, ist das ein besserer Tag als zehn mit Katerstimmung.“

Die Karriere des 27-Jährigen liest sich wie ein Lehrbuch für Erfolg. Das neue Kapitel heißt: Erlaubnis zur Schwäche. Für die Handball-Welt könnte das ansteckender sein als jede TikTok-Choreo seiner Siegestänze.