Marvin lier wirft schlussstrich: 1.566 tore, jetzt wird er schulleiter
1.566 Mal zappelte das Netz in der höchsten Schweizer Handball-Liga – und nun ist Schluss. Marvin Lier, Linksaußen mit Nationalteam-Vergangenheit, beendet nach dieser Saison seine Profi-Karriere. Er zieht sich mit 33 Jahren zurück, weil ein anderer Ball ruft: der Schulball.
Der abschied kommt ohne knall, aber mit plan
Lier selbst sagt, der Schritt sei kein spontaner. Nach dem Studium der Erziehungswissenschaften stieg er in Hallau ins Schulleitungs-Team ein. Seit Februar steht er vor 250 Kindern im Kindergarten- und Primarbereich von Schaffhausen – und fühlt sich sofort angekommen. «Der Job macht mir genauso viel Spaß wie das Training», verrät er. Nur: Die Doppelbelastung will niemand auf Dauer mittragen.
Die Zahlen, die er hinterlässt, sind beeindruckend. 505 Spiele in der Nationalliga A, 105 Länderspiele, 250 Tore im Rotweiss. Dazu vier Meistertitel, zwei Cupsiege und drei Supercups mit Kadetten Schaffhausen. Sein größter Erfolg: das Viertelfinale der European League 2023. «Ich bin stolz, aber nicht sentimental», sagt Lier. «Ich habe alles aus mir rausgeholt.»

Klare worte für den nachwuchs
David Graubner, Geschäftsführer der Kadetten, nennt Lier «Herzstück mit linksdrehender Schleuder». Gemeint ist: präzise, zuverlässig, unangenehm für jeden Gegner. Der Nachfolger steht schon fest: Nikos Sarlos, 21, Junioren-Nationalspieler, wechselt vom HSC Suhr Aarau an den Rhein. Sarlos soll nicht nur Tore werfen, sondern auch Liers Mentoren-Rolle übernehmen. «Wir brauchen Spieler, die den jungen Wilden zeigen, dass Intensität kein Lippenbekenntnis ist», so Graubner.
Privat führt Lier das große Los ein: Seine Frau Jasmin und die gemeinsame Tochter begleiten ihn in die neue Lebensphase. «Ohne sie wäre kein Tor gefallen», sagt er, während er die Hallentore langsam ausblendet. Die Schulflure sind jetzt seine Arena. Und dort will er punkten – ohne Schutzhandschuhe.
Der Schweizer Handball verliert einen Ausnahmeakteur. Die Kinder von Schaffhausen gewinnen einen Direktor, der weiß, wie man Tagesstrukturen genau so durchzieht wie einen Tempogegenstoß. Die Karriere endet, der Einsatz bleibt – nur das Spielfeld wird kleiner. Und vielleicht steht eines Tages ein ehemaliges Schulkind am Kreis und erinnert sich: «Der Herr Rektor konnte früher ganz schön schleudern.»
