Mainz 05 schreibt conference-league-geschichte: 14 millionen und kein ende
14 Millionen Euro klingt nach Transfer-Sommer. Bei Mainz 05 ist es der Kassensturz nach vier Europa-Spielen. Christian Heidel lacht nicht nur, er rechnet: bis zu 25 Millionen sind drin. Der Verein, der in der Bundesliga abstürzte, feiert im Europacup sein bestes Jahrzehnt.

Die nullnummer in olmütz war gestern, heute zählt nur der meinz-kessel
Donnerstag, 18.45 Uhr, Opel Arena. 30.000 Fans sind bereits verbarrikadiert, die restlichen Tickets verschwinden im Minutentakt. Nie zuvor zog ein Conference-League-Teilnehmer so viele Zuschauer an – Mainz liegt mit 30.875 Schnitt zwei Ligen über dem Zweitplatzierten. Die UEFA-Statistik sieht aus wie ein Tippfehler: Heidel-Truppe vor Real Betis, vor Chelsea.
Der Sportvorstand gibt offen den Betrag durch, der selbst ihn überrascht: „Wir haben die Play-offs umgangen, das Achtelfinale eingetütet und trotzdem noch 10,8 Millionen Prämie in Reichweite.“ Er spricht leise, als würde er ein Geheimnis verraten. Dabei stehen die Zahlen schwarz auf weiß im UEFA-Rundschreiben: Viertelfinale 1,3 Mio, Halbfinale 2,5 Mio, Finale 4 Mio, Triumph nochmal 4 Mio – dazu Marketing- und Töpfchen, die der Klub eigenständig bewirtschaftet.
Die Kehrseite? Ein Bundesliga-Abstiegskampf, der sich wie ein böses Déjà-vu liest. Mainz rangiert auf Relegationsplatz 16, die Tordifferenz nagt an der Nervenkurve. Doch die Fans spalten sich nicht. Sie reisen mit 8.000 Leuten nach Olmütz, singen 90 Minütchen lang gegen tschechische Provinz-Kälte. „Wir spüren, dass die Leitung unter Strom steht“, sagt Heidel und meint damit wörtlich die Bordsteinkante zwischen Stadion und Bahnhof, wo Schals flattern und Bierdosen rollen.
Die Mannschaft von Bo Henriksen liefert Antworten auf dem Rasen. Drei Siege, ein Remis, kein Gegentor in der eigenen Arena – das ist keine Phrase, sondern Statistik, die selbst Analytik-Fans glattwalzt. Die Abwehr um Moritz Jenz wirft sich in Schneegestöber, der Mittelfeld-Motor Aymen Barkok schaltet einen Gang höher als in der Liga. Der Coach weigert sich, Rotation zu betreiben: „Wer Europa spielt, spielt sich auch in den Kopf.“
Die Rechnung ist denkbar simpel: erreicht Mainz das Viertelfinale, trifft der Klub auf Straßburg oder Rijeka – beide machbar, beide lukrativ. Das Hinspiel würde in Mainz stattfinden, ein weiterer Ausverkauf, weitere 4,5 Millionen brutto. Heidel zieht schon die nächste Bilanz: „Wenn wir das Halbfinale schaffen, kann der Überschuss locker zwölf Millionen betragen – mehr Geld als aus einem ganzen Bundesliga-Jahr.“
Es ist das alte Fußball-Märchen: ein Klub in der Krise entdeckt im Europacup seine Seele. Die Schuldenbremse der Liga? Erledigt. Die Angst vor dem Finanz-Fairplay? Verflüchtigt. Mainz 05 spielt sich frei – zuerst auf dem Feld, dann auf der Bank. Heidel blickt aus dem Bürofenster Richtung Stadion, wo die Lichter bereits brennen. „Wenn wir am Ende auf dem Rasen in Leipzig stehen“, sagt er, „dann haben wir nicht nur Geld verdient, sondern auch Geschichte geschrieben.“ Die Fans juckt das Finale-Datum ohnehin schon: 27. Mai, Roter Stern Belgrad oder Klub Brügge – egal, Hauptsache Mainz.
