Lipowitz schreibt geschichte – und evenepoel räumt für ihn das podium
Barcelona – Florian Lipowitz spricht noch kein Spanisch, aber er versteht die Sprache der Berge. Drei Monate vor dem Grand Départ der Tour de France in dieser Stadt hat der 22-jährige Oberbayer die Katalonien-Rundfahrt als erster Deutscher überhaupt aufs Podest geschnallt – und nebenbei eine Frage aufgeworfen, die sich Remco Evenepoel bis Paris verfolgen wird: Wenn der Weltmeister schon hier Tempo für mich macht, wer fährt dann in der Grande Boucle die Flöte?
Ein sturz, ein dankeschön, eine machtverschiebung
Die Antwort kam am Samstag auf der Abfahrt vom Montjuïc. Evenepoel, Doppel-Olympiasieger und teuerster Transfer der Saison, stanzte 58 km/h, riss die Gruppe auseinander und schob Lipowitz auf Rang drei des Klassements. „Er war fantastisch“, sagte Lipowitz, noch atemlos vom Gipfel. „Dass ein Weltmeister so etwas macht, ist einfach unglaublich.“ Unglaublich ist auch die neue Rangfolge im Red-Bull-Lager: Lipowitz kletterte die steilen Schluchten rund um Barcelona fünf Sekunden schneller als Evenepoel – eine Handvoll Sekunden, die in Juli Millionen kosten können.
Denn die Tour startet mit einer Doppelspitze, ohne festen Kapitän. Sportdirektor Klaas Lodewyck bestätigt offen, dass der Sturz des Belgiers am Mittwoch „das Szenario verändert“ habe. Was heißt: Ohne die Schürfwunden hätte Evenepoel vermutlich selbst angreifen müssen. Stattdessen sitzt er jetzt in der Rolle des Superdomestiques – eine Positionsumkehr, die in der Geschichte des Radsports nur selten gelingt.

Vingegaard und der wind, der aus kopenhagen weht
Jonas Vingegaard indes lässt sich von internen Machtspielen nicht ablenken. Der Däne gewinnt Katalonien souverän, nachdem er bereits Paris-Nizza dominierte. Fünf Etappensiege, zwei Gesamtsiege – Statistiker rechnen vor: Wer die beiden Frühjahrstage gewinnt, holt in 63 Prozent der Fälle auch die Tour. Die Botschaft ist klar: Tadej Pogacar bekommt 2024 kein Schaulaufen, sondern einen Gegner, der seine eigene Höhenluft atmet.
Für Lipowitz bleibt trotz des historischen Erfolgs ein Beigeschmack. „Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, dass ich Vingegaard nicht folgen konnte“, gibt er zu. Das schlechte Gewissen ist Programm: Wer mit den Besten der Welt um Sekunden kämpft, muss auch die kleinen Niederlagen akzeptieren. Die große wartet in 99 Tagen auf den Champs-Élysées – und vielleicht mit Evenepoel im Windschatten.
Die Katalonien-Rundfahrt endet mit einem deutschen Podestplatz, einem belgischen Helfer und einem dänischen Liebling. Die Tour de France beginnt mit einem offenen Krieg. Lipowitz hat die erste Schlacht gewonnen, Evenepoel die erste Demütigung verkraftet. In der Summe zeigt sich: Wer in diesem Sommer die Gelbe tragen will, muss nicht nur die Berge bezwingen, sondern auch die eigene Mannschaft.
