Lägreid zerlegt das feld, nawrath kratzt am podest: kontiolahmtis drama

Sturla Holm Lägreid schoss wie ein Roboter und lief wie ein Rentier auf Turbo. Der Norweger ließ im finnischen Kontiolahti alle stehen, während Deutschlands Hoffnungsträger Philipp Nawrath mit einem einzigen Patzer die Kristallkugel wieder einmal nur aus der Ferne bewundern durfte.

37,5 Sekunden fehlten dem 33-jährigen Nawrath auf den Sieg, 13,4 Sekunden auf Platz drei. Die Zahlen klingen nach wenig, sind in Wahrheit eine Welt. Denn im Biathlon ist das Podest kein Schönheitswettbewerb, sondern ein Millimeter-Spiel. Ein Schießfehler kostet hier mehr als ein verpatztes Zielpass im Fußball. Er kostet Selbstvertrauen, Weltcup-Punkte, Preisgeld.

Lägreids null-nummer wird zur psychologischen waffe

Der Norweger stand fünfmal auf der Matte, schoss fünfmal ins Schwarze. Kein Zittern, kein Atemloch, keine Show. Dafür gibt es im Weltcup ein eigenes Wort: «bibberfrei». Dahinter steckt ein System, das deutsche Athleten seit Jahren studieren und nur selten kopieren können. Lägreid holte sich seinen sechsten Saisonsieg, baute die Führung im Gesamtweltcup aus und schickt vor allem eine Botschaft: Oslo, wir kommen – und wir haben Munition gespart.

Eric Perrot aus Frankreich bekam die kleine Kristallkugel für die Massenstart-Wertung trotz eines Fehlers, weil er in der Gesamtsumme vorne liegt. Auch das ist Biathlon-Logik: Wer öfter knapp vorne liegt, gewinnt am Ende groß. Perrot fuhr nach Hause mit Pokal und Plus 16,5 Sekunden Rückstand. Das reicht, wenn die Konkurrenz patzt.

Horn versenkt sich – und die deutsche zuversicht

Horn versenkt sich – und die deutsche zuversicht

Philipp Horn dagegen schoss sich in eine andere Statistik. Vier Fehler in vier Schießeinlagen. Rang 26. Die Olympiaration «Vierter im Massenstart von PyeongChang» wirkt plötzlich wie ein Relikt aus vergangenen Tagen. Horn war nach dem Rennen sichtlich mitgenommen: «Manchmal will man es zu sehr», sagte er und verschwand in der Kabine. Was niemand laut sagte: Mit dieser Trefferquote fährt man nicht nach Oslo, sondern nach Hause.

Nawrath nahm es gelassener. «Positiv» war sein Fazit trotz verpasstem Podest. Er weiß: In Otepää kommt der Sprint, seine Paradedisziplin. 12,5 Kilometer, keine große Runde, dafür zwei Schießeinlagen. Wer da trifft, kann aus dem Stand auf Platz eins landen. Die Saison ist nicht vorbei, sie verlagert sich nur.

Jetzt zählt jeder schuss doppelt

Vom 12. bis 15. März steht in Estland die vorletzte Weltcup-Station an. Danach Oslo – und mit ihm die letzte Chance, sich für die Finalwertung zu empfehlen. Für die DSV-Herren bedeutet das: keine weiteren Ausreißer erlaubt. Der Vorsprung der Norweger auf Nationenebene ist längst kein Luxusrückstand mehr, sondern droht zur Kluft zu werden.

Lägreid reist als Jäger, Perrot als Sammler. Nawrath reist als Draufgänger, der endlich will. Horn reist als Fragezeichen. Die Antwort bekommen wir in zwei Wochen in Oslo – oder nie mehr in dieser Saison.