Koffi: „ein remis wäre frieden für unser wohnzimmer“

Um 20.45 Uhr deutscher Zeit wird das Spiel stehen, das Eliezer Koffi länger ersehnt als jedes andere: Elfenbeinküste gegen Deutschland. Der 34-jährige Germanist aus Abidjan hat sich extra eine Auswärtspause gegönnt, nur um nichts zu verpassen – und um zu Hause keinen Familienkonflikt zu riskieren. „Meine Frau ist Deutsche, unser acht Monate alter Sohn ist beides. 1:1 hält den Haussegen waagerecht“, lacht er.

Wie eine nation das finale verpasste – und trotzdem jubelte

Koffi erinnert sich. Er war schon wieder in Berlin, als der Afrika-Cup 2024 ins Finale ging. In Abidjan schwappten Menschenmassen durch die Straßen, selbst Großmütter vergaßen ihre Gehhilfen. „Das hätte Hollywood als Drehbuch abgelehnt: Gruppenphase verpatzt, Trainer gefeuert, dann als letzter Dritter weiter – und am Ende Pokal. Meine Cousins schickten mir Videos, auf denen sie mit völlig Fremden tanzten.“

Diese Bilder erklären, warum das Samstag-Spiel weit über drei Punkte hinausweist. Nie schaffte die Elfenbeinküste den Sprung aus der WM-Gruppe – obwohl Stars wie Drogba und Kalou jahrelang brillierten. „2006 haben wir nur 1:2 gegen Argentinien und 1:2 gegen die Niederlande verloren, trotzdem raus“, zählt Koffi auf. „Diese junge Truppe spielt das Pech weg.“

Charlottenburg wird zum stade félix houphouët-boigny

Charlottenburg wird zum stade félix houphouët-boigny

Während Koffi unterwegs sein muss, versammeln sich etwa fünfzig Ivorer in der Wohnung eines Botschaftsangestellten in Charlottenburg. Dort rochert kein Grill, dafür summt der Fernseher schon Stunden vor Anpfiff. „Jeder bringt sein kleines Gerät mit Datenflatrate, falls der Stream wackelt“, sagt Koffi. Er selbst wird in einem ICE sitzen und mit dem Handy auf dem Schoß dabei sein. „Ich habe die Bahnhotline angerufen: ‚Gibt es WLAN im Zug? Ich brauche es fürs WM-Spiel.‘ Die Dame am Telefon hat nur gelacht und ‚Viel Glück‘ gewünscht.“

Der frieden, der 2006 begann

Der frieden, der 2006 begann

Der Fußball war nie nur Sport. Nach dem Bürgerkrieg wurde das Nationalteam zum Kitt: Nachbarn, die sich jahrelang nicht grüßten, standen plötzlich Schulter an Schulter vor denselben Riesenbildschirmen. „Wenn wir gewinnen, vergisst keiner, welcher Stamm wen angehört hat“, sagt Koffi. „Das ist unsere echte Meisterschaft.“

Mit Spielern wie Amad Diallo (Manchester United) oder Yann Diomandé (RB Leipzig) glaubt er an das Viertelfinale. „Klar, die Nation träumt laut vom Titel. Ich bleibe realistisch. Aber wer weiß? Fußball schreibt Drehbücher, die selbst Netflix ablehnt.“

Um kurz vor Mitternacht wird der ICE in einen deutschen Bahnhof rollen. Koffi wird aussteigen – entweder als Teilzeitheld oder als Diplomat mit einem Lächeln, das beide Farben trägt. Denn 1:1 bedeutet nicht nur einen Punkt. Es bedeutet, dass am Küchentisch niemand die Schnute zieht. Und das ist, wie er sagt, „der wichtigste Sieg des Abends“.