Klaus schäfer: ein böller wirft rot-weiss essen aus dem rhythmus – wienand droht dauer-schaden

Felix Wienand hört nichts mehr. Kein Gebrüll, kein Pfiff, kein Kommando. Stattdessen ein permanentes Rauschen, das ihn aus der 3. Liga und vielleicht noch länger rauswirft. Der 23-jährige Torhüter von Rot-Weiss Essen erlitt am Mittwochabend beim 1:0 gegen Waldhof Mannheim ein Knalltrauma mit „deutlichem Hörverlust“, wie der Klub am Donnerstag mitteilte. Die Diagnose: nicht spielfähig, nicht trainierungsfähig – und erst recht nicht einsatzbereit für das Pokal-Auswärtsspiel am Samstag bei der TSG Hoffenheim II.

Die sekunde, die alles änderte

Die Detonation erfolgte in der 79. Minute. Ein Böller explodierte im Gästeblock, Wienand ging zu Boden, hielt sich die Ohren. Die Partie wurde für knapp 20 Minuten unterbrochen, fortgesetzt ohne ihn. Tino Casali übernahm, hielt den Sieg. Doch die Siegesfreude währte nur kurz. Statt Siegesbilder kursieren nun Krankenhaus-Aufnahmen. Wienand wurde sofort ins Universitätsklinikum Essen gebracht, HNO-Spezialisten untersuchten ihn bis in die Nacht. Ergebnis: Innenohr-Beeinträchtigung offen, weitere Tests anstehend.

Cheftrainer Uwe Koschinat hatte noch am Mittwochabend gehofft, sein Stammkeeper könne „vielleicht schon am Wochenende wieder stehen“. Die Hoffnung zerbarst binnen 24 Stunden. Wienand kann aktuell selbst normale Gespräche nur noch gedämpft verstehen. Wer schon einmal eine Druckwelle neben dem Ohr gespürt hat, weiß: Das ist kein Muskelkater, der nach zwei Tagen verschwindet. Das kann Wochen dauern – oder Monate.

Warum rwe nicht protestiert

Warum rwe nicht protestiert

Die sportlichen Folgen sind einschneidend. Mit acht Einsätzen war Wienand die verlässliche Nummer eins während Jakob Golz’ Ausfall. Nun rückt Casali erneut zwischen die Pfosten, ein dritter Keeper steht nicht im Kader. Dennoch: Rot-Weiss Essen wird gegen die Wertung des 1:0-Sieges keinen Protest einlegen. Offiziell hieß es, man wolle „nicht den Eindruck erwecken, den Sieg nachträglich in Frage stellen zu wollen“. Hinter den Kulissen ist man dennoch empört.

Empört vor allem über Waldhof-Geschäftsführer Gerhard Zuber, der unmittelbar nach dem Spiel die Vorfälle relativierte und von „vereinzelten Knallkörpern im gesamten Stadion“ sprach. Für RWE „nicht nachvollziehbar“, wie es in der internen Mitteilung heißt. Die Tatsache: Ein pyrotechnischer Gegenstand detoniert in unmittelbarer Torwart-Nähe – das ist kein „Nebengeräusch“, das ist Gefährdung. Die Polizei Essen bestätigte am Donnerstag die Festnahme eines 21-jährigen Tatverdächtigen aus dem Mannheimer Fanblock. Gegen ihn wird wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt.

Die zahlen, die niemand hören will

Die zahlen, die niemand hören will

Laut DFL-Statistik sind in dieser Saison bereits 17 Spiele allein in der 3. Liga durch Pyro-Einsatz unterbrochen worden – Tendenz steigend. Die Schäden summieren sich auf über 250.000 Euro, personelle Ausfälle wie der von Wienand nicht mitgerechnet. Für den Spieler selbst geht es jetzt um Reha, nicht um Rückrunde. Die Klinik verordnete absolute Ruhe, keine Kopfbewegungen, keinen Flugverkehr, keinen Sport. Wann er wieder ins Tor kann, steht in den Sternen – und in den Ohren.

Rot-Weiss Essen reist ohne ihn nach Hoffenheim. Die Aufstiegsrunde ist eng, jeder Punkt wiegt Blei. Doch plötzlich steht ein Gesundheitsfall über Taktik und Tabellen. Wienand wird die Partie im Stadion vermutlich nicht einmal mitbekommen, zu groß ist das Risiko, das Rauschen könne dauerhaft werden. Die Karriere eines Keepers, der gerade erst Fahrt aufnahm, hängt an einem einzigen, idiotischen Knall – und an der Frage, ob sein Gehör jemals wieder so klar wird wie sein Blick auf die Fahne des Schiedsrichters.