Kimmich packt aus: 'vfb-aus gegen porto war ein stich ins herz'
Joshua Kimmich spricht selten so offen. Im Gespräch mit SWR Sport in Rottweil räumt der DFB-Kapitän ein, dass das Europa-League-Aus seines VfB Stuttgart gegen Porto 'wehtat' – und liefert damit ein seltenes Eingeständnis von Schwäche. Die Niederlage habe ihn 'noch ein bisschen hängen lassen', sagt der 31-Jährige. Ein Satz, der in der sonst so kontrollierten Fussballwelt wie ein Faustschlag wirkt.
Die heimspiele der nationalelf sind keine pflichtübung mehr
Kimmich nutzt das Interview, um eine Kampfansage an die restliche Mannschaft zu versenden. Testspiele seien 'in unserer Situation' keine Lückenfüller, sondern 'Lebensversicherungen' für die WM 2026. Jede Absage sei 'bitter', jeder Spieler müsse 'Bock' haben. Der Ton ist rauer als sonst. Dahinter steckt die Erkenntnis: Das Team hat seit 2017 kein Turnier mehr über das Viertelfinale gebracht. Die Titel-Rotationsmaschine Deutschland steht am Abgrund – und Kimmich will sie zurückholen.
Die Rechnung ist einfach: Je mehr Bayern-Block im Nationalteam, desto besser. Die Automatismen aus dem Verein übertragen sich 'auf den Rasen des Gegners'. Doch der Münchener Mittelfeld-General fordert auch: Borussia Dortmund und der VfB müssten 'liefern', damit der Bundestrainer Julian Nagelsmann genügend eingespielte deutsche Kerle zusammenbasteln kann. Es ist kein Geheimnis mehr: Ohne Club-Chemie wird die WM zum Selbstbedienungsladen für Frankreich, Brasilien oder Argentinien.

Kimmich academie: gegen das talendrainen in die ferne
Abseits des Rasens betreibt Kimmich ein Projekt, das vielen Vereinsfunktionären unbequem ist. In seiner 'Kimmich Academy' in Rottweil bekommen Kinder aus der Region Hochleistungs-Fussball ohne Internat oder 100-Kilometer-Fahrt. 'Wir wollen verhindern, dass ein zwölfjähriger Junge schon wegziehen muss, um Profi zu werden', sagt er. Die Logik: Wer früh wegzieht, verliert oft den Anschluss an Schule, Freunde – und manchmal auch den Fussball. Die Akademie ist kein PR-Gag, sondern ein Statement gegen das Wegwerfen von Talenten auf dem Altar der Effizienz.
Die Zahlen sprechen für ihn: Innerhalb von zwei Jahren haben 180 Kids ein Vollstipendium erhalten, zwölf davon trainieren inzwischen bei Bundesliga-Stützpunkten. Kimmich wirft damit indirekt den Top-Klubs vor, ihr Nachwuchsnetz zu sehr auf Metropolen zu konzentrieren. 'Wir holen das Elite-Training in die Provinz zurück', sagt er. Ein Affront gegen die DFL, die ländliche Regionen seit Jahren mit Verweis auf Kostenstrukturen abschreibt.

Der letzte tanz beginnt im sommer
Die WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada wird für Kimmich vorerst die letzte Großbühne. 'Ich war noch nie über die K.o.-Runde', sagt er. Die 0-für-4-Bilanz nagt an ihm. Deshalb fordert er: 'Wir müssen heiß darauf sein, dass wir alle an Bord sind.' Der Appell ist an Nagelsmann, an die jungen Wilden, an die Medien – aber vor allem an sich selbst. Er weiß: Ohne eine Riesen-Performance wird aus dem Kapitän schnell wieder derjenige, der bei großen Turnieren 'nur' Viertelfinal-Spiele bestreitet.
Am 27. März geht’s gegen die Schweiz, drei Tage später gegen Ghana. Für Kimmich sind das keine Testmatches, sondern 'Endspiele im März'. Wer jetzt nicht brennt, ist im Juli kein Thema. Die Uhr tickt. Und Kimmich? Der hat sich gerade erst wieder aufgezählt – mit dem VfB im Herzen und der Nation auf den Schultern.
