Italiens traumduo: gattuso und tonali schreiben playoff-märchen neu

Kein Milan-Star in der Startelf, trotzdem steckt der AC Milan im Azzurri-Trikot. Rino Gattuso und Sandro Tonali ließen gegen Nordirland ein Stück Rossonero-Seele aufleben – und das, obwohl beide längst woanders arbeiten.

Die tasse, die nie kaputtgehen durfte

Tonali hatte sie jahrelang zum Frühstück benutzt: eine Tasse mit Gattuso-Motiven. Als sie zerbrach, klebte er sie Stück für Stück wieder zusammen. „Sie steht noch immer im Schrank“, sagte er kürzlich. Diese Tasse ist kein Relikt, sie ist das Sinnbild einer Bindung, die nun sogar die Nationalmannschaft erfasst hat. Gattuso, 42, nominierte den 22-Jährigen sofort zum Leitwolf im Mittelfeld – und Tonali antwortete mit einer dominanten Vorstellung, die Italiens Playoff-Hoffnung am Leben erhielt.

Die Szene nach dem 2:0 war bezeichnend: Gattuso umarmt seinen Protegé, beide lächeln, als wären sie im Trainingslager von Milanello. Dabei trägt der Coach heute das Azurblau, und der Spieler das Schwarz-Weiß von Newcastle. Der Milan ist nur noch Erinnerung – aber eine, die beiden die DNA des Klubs einprägte.

Der anruf, der nicht zum napoli führte

Der anruf, der nicht zum napoli führte

Gattuso wollte Tonali 2020 mit nach Neapel nehmen. „Ich habe ihn angefleht“, gab der Coach zu. Doch Milan rief zuerst, Tonali bat telefonisch um Erlaubnis, die historische Nummer 8 zu tragen – Gattuso sagte sofort ja. „Er hätte mir sogar die Fußballschuhe gegeben, wenn er gefragt hätte“, scherzte er später. Der Transfer wurde zur Liebesheirat, Milan feierte den „neuen Rino“, und die Curva sang: „Sandro, Sandro, Sandro!“

Dann kam der Schulterschluss mit Newcastle – 70 Millionen Euro Ablöse, ein Rekord für einen italienischen Mittelfeldspieler. Viele Rossoneri verfluchten den Klub, andere den Spieler. Die Wahrheit liegt dazwischen: Newcastle bot eine sportliche und finanzielle Dimension, die Milan nicht kontern konnte. Die Trennung schmerzt bis heute, wie ein Blick auf die Gazzetta-Forum-Threads beweist: 12.000 Kommentare, durchgehend Großbuchstaben, Wort wie „Verrat“ und „Heimatlos“.

Warum milan heute mehr tonali vermisst als je zuvor

Warum milan heute mehr tonali vermisst als je zuvor

Der aktuelle Kader hat kein Regista mit seiner Mischung aus Aggressivität und Passspiel. Pioli rotiert zwischen Krunic, Reijnders und Adli – allesamt talentiert, keiner ist Abräumer und Dirigent zugleich. Die Statistik zeigt die Lücke: Milan gewann in dieser Saison nur 43 Prozent der Zweikämpfe im zentralen Mittelfeld, die schlechteste Quote seit der Rückrunde 2019/20 – jener Spielzeit, in der Tonali noch in Brescia spielte.

Gleichzeitig trägt Tonali in Newcastle eine Maske: Er soll als Linksfuß auf der Sechs operieren, obwohl seine Stärke das Umschalten ist. Coach Howe bezeichnet ihn als „Box-to-box with brain“, doch die Premier-League-Statistik listet ihn mit 1,2 erfolgreichen Tacklings pro Spiel auf – halb so viele wie in der Serie A 2022/23. Die englische Insel fordert Tempo, nicht Temperament. Manchmal sieht man ihm an, dass er sich vermisst.

Italiens Fans jubeln trotzdem. Denn wenn Gattuso und Tonali gemeinsam auftreten, entsteht jene Chemie, die Titel verspricht. Gattuso kennt die Stärken seines Ziehsohns: „Er kann alles, ich konnte nur rennen und treten“, lachte er. Dieses Lob wiegt schwerer als jede Analysten-App. Es ist das Kompliment eines Mentors, der selbst nie der eleganteste Spieler war, aber der Inbegriff von Leidenschaft.

Die rückkehr, über die mailand spricht

Die rückkehr, über die mailand spricht

Im Sommer 2025 endet die Ausstiegsklausel – 60 Millionen Euro. Gerüchte ranken sich schon durch die Bars der Via Padova: „Sandro kommt heim!“ Die Leihe-Geschichte ist unwahrscheinlich, Newcastle will Gewinn machen. Doch Milan plant gerade die Verjüngung der Holding, Investoren schauen auf EBITDA und Marktwerte. Wenn der Klub die Champions-League-Teilnahme sichert und ein Top-Gehalt plus Startgarantie bietet, könnte der Kreis schließen.

Bis dahin bleibt die Tasse im Schrank und das Lied der Fans in den Ohren. Gattuso wird weiter Tonali nominieren, solange er Coach bleibt. Und Tonali wird weiter auf Gattusos Nicken reagieren, als wäre es das eines Vaters. Die Italiener nennen das „destino“, der Deutschsprachige nennt es einfach: Fußball. Ein Sport, in dem Träume nicht platzen, sondern nur die Richtung wechseln. Milan fehlt Tonali? Ja. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende – und die Playoffs sind erst der Auftakt.