Italiens goldrausch kommt nicht von ungefähr – die neue heimat trägt die farben afrikas

Torun, 23. März, 16:56 Uhr – fünf Mal Sprint, fünf Mal italienische Hymne. Dreimal Gold, zweimal Silber, ein Medaillenrekord, der selbst die US-Delegation blinzeln lässt. Die Leichtathletik-Welt hält den Atem an, doch in der Mixed Zone herrscht längst Routine: Die neuen Azzurri kommen aus Lagos, Addis Abeba und Dakar – und laufen seit Jahren über die Tartanbahnen von Trento, Rubiera und Rieti.

Die karte der sieger zeigt keine grenzen

Die karte der sieger zeigt keine grenzen

Marcell Jacobs, 60-Meter-Europameister, geboren in Texas, aufgewachsen in einer Schule für Sprinter auf der Via Cassia in Rom. Ebele Azzah, Silber über 400 m, trainiert seit 2017 an der Florenz Universität, wo ihre Mutter als Pflegerin arbeitet. Die Namen klingen nach Fellini-Film, die Pässe sind italienisch. Die Zeiten? Weltklasse.

Der Verband zählt 47 Athleten mit Migrationshintergrund im aktuellen Kader – 31 davon holten in den letzten zwei Jahren internationale Medaillen. Kein Zufall, sondern Folge eines Programms, das vor zwölf Jahren unter dem Titel „Atletica Aperta“ startete: Stipendien, Sprachkurse, Familienzusammenführung, dazu Coaching-Jobs für ehemalige Profis aus Afrika. „Wir haben gelernt, dass Talent keine Hautfarbe hat“, sagt Nationalcoach Francesco Uguccioni. „Aber es braucht Strukturen, die es sichtbar machen.“

Die britische Leichtathletik hatte das Prinzip schon in den 90ern erprobt, Frankreich folgte. Italien kam später, dafür heute mit höherem Tempo. Der Schlüssel liegt in den sogenannten „Centri di Eccellenza“, High-Performance-Zentren in acht Regionen. Dort trainieren Nachwuchsathleten unabhängig von Pass und Postleitzahl – finanziert aus Lotteriemitteln und einem Sponsoring-Pool, den Ex-Weltmeister Fabrizio Mori aufbaute. Ergebnis: In Torun standen fünf Finalisten, die noch vor fünf Jahren keine italienische Muttersprache beherrschten.

Kritik? Gibt sie. Rechte Populisten wettern gegen „Importmedaillen“. Dabei liefern die Zahren das Gegenteil: Die meisten Athleten kamen als Kinder, besuchen italienische Schulen, zahlen hier Steuern. Jacobs’ erster Trainer, Enrico Arcelli, lacht trocken: „Er spricht besser Romanesco als ich. Wer will ihm die Tricolore absprechen?“

Die EM im eigenen Land rückt näher. Turin 2024 wirbt mit dem Slogan „Europe runs here“. Läuft wird dort, wer sich Heimat nennt. Die Uhr tickt. Die Rekorde fallen. Und die italienische Hymne? Hat inzwischen neue Texte – geschrieben von Sprintern, deren ersten Schritte auf afrikanischer Erde erfolgten und deren letzte auf italischem Tartan enden. Das ist keine Einwanderungsgeschichte, das ist Sportgeschichte – in Echtzeit.