Italiener meiden öpnv: 68 % steigen nie in bus oder bahn

Rom – Fast jeder zweite Italiener setzt sich ins Auto, obwohl die Ampel schon wieder auf Rot steht. 68 % der Bevölkerung nutzen laut den jüngsten Eurostat-Zahlen 2024 nie Bus, Straßenbahn, U-Bahn oder Regionalzug. Nur Zyprer sind noch abgeneigter. Das Pendeln mit dem Privatwagen kostet das Land jährlich 34 Milliarden Euro – bezahlt vom Gesundheitssystem, weil Feinstaub und Stickoxide Herz, Lunge und Krebsstatistik belasten.

Die quittung kommt per rechnung vom krankenhaus

Die Società Italiana di Medicina Ambientale (Sima) hat die externen Kosten durch Smog und Stau aufgeschlüsselt: 19.300 Tonnen PM10 jährlich, 26 % der gesamten Treibhausgase aus dem Verkehrssektor, 50 % der Stickoxide. Eine Senkung der Feinstaubbelastung um lediglich 10 Mikrogramm pro Kubikmeter würde die Sterblichkeit um 7 % drücken, Herzinfarkte sogar um 26 %.

Doch warum weigern sich Millionen, den Fahrplan zu wechseln? Weil es keinen Fahrplan gibt. Kleinstädte ohne Straßenbahn, Städte wie Neapel, wo sich U-Bahn-Linien seit Jahren im Dauerbau befinden, und ein Image-Problem: «Viele empfinden Busse und Stationen als unsicher, überfüllt und schmutzig», sagt Sima-Präsident Alessandro Miani. Keine Luftfilter, keine Durchzug, keine Abstandsvorgaben – Corona hat das Misstrauen verankert.

Warten auf investitionen, die nicht kommen

Warten auf investitionen, die nicht kommen

Gianpiero Strisciuglio, Präsident des Verbandes Agens, fordert ein «Marshall-Plan für den Nahverkehr». Die Branche sei bereit, «Qualität und Attraktivität» zu liefern, «aber wir können das Rad nicht allein drehen». Tatsächlich liegt Italien beim Ranking der Investitionen pro Kopf in Infrastruktur hinter Lettland, Portugal und Bulgarien. Die Folge: Wer kann, kauft sich aus der Katastrophe heraus. Zweitwagen, drittes Motorrad, SUV für die 500 Meter zur Bäckerei.

Die Staukarte des Analystenhauses Inrix zeigt, wohin das führt. Rom verliert 76 Stunden im Jahr im Schritttempo von 20 km/h – Platz 17 weltweit. Mailand folgt mit 67 Stunden. Jede Stunde ist ein Mikro-Anfall für die Wirtschaft und ein Makro-Anfall für die Atemwege. Die Lösung wäre auf dem Papier einfach: 1.000 zusätzliche Busse, 200 Kilometer neue Straßenbahn, ein landesweites Ticket-System statt 7.000 Tarifzonen. Aber das Land diskutiert lieber über Tempolimits auf der Autobahn.

Am Ende zahlen wieder die Krankenkassen. Und die, die sich kein rostfreies Auto leisten können, atmen den Schrott der anderen ein. Der öffentliche Nahverkehr war einmal das soziale Rückgrat Italiens. Heute ist er ein Rückzugsgebiet – für alle, die keine Alternative haben. Wer ihn retten will, muss jetzt investieren, sonst rollt das Land weiter auf dreispurigen Intensivstationen. Die 34-Milliarden-Rechnung steht schon.