Hertha feiert tor-orgie, doch der höhepunkt kommt zu spät

5:2 in Düsseldorf, ein Fabian Reese wie aus dem Lehrbuch, knapp 4.500 blau-weiße Fans, die bis nach Abpfiff sangen – und trotzdem bleibt der Nachgeschmack von verschenkter Saison. Die Berliner liefern den Beweis: Sie können Top-Fußball, nur nicht unter Druck.

Der Auftakt war ernüchternd. Niklas Kolbe verlor das Kopfballduell, Fortuna traf in der fünften Minute, die Arena tobte. Stefan Leitl sah seine Mannschaft „nicht umgesetzt, was wir uns vorgenommen hatten“. Das klang noch diplomatisch. Doch dann rissen die Ketten. Reese schlenzte das 1:1 ins Netz, ließ den Keeper zappeln, schoss das 2:1 mit dem Innenpfosten-Aufprall der Perfektion. Drei Tore, zwei Vorlagen – ein Kapitän, der aus der Asche seiner Kritiker auferstand.

Reeses antwort kommt spät, aber laut

„Wir haben die Eins-gegen-Eins-Duelle gewonnen“, sagte Reese nach Abpfiff. Genau diese Sätze fehlten, als es gegen Paderborn 2:5 ging und die Aufstiegsträume zerbarsten. Sein Lupfer zum Ausgleich war kein Zufall, sondern Resultat eines Trainingslagers ohne Medienrummel, in dem Leitl die Offensivriege neu justierte. Josip Brekalo rückte für den gesperrten Cuisance in die Zehn, Kevin Sessa durfte endlich wieder nach vorne denken statt nur quer. Die Folge: 15 Schüsse innerhalb von 35 Minuten, ein Schlagabtausch, der selbst Fortunas Coach Daniel Thioune mit offenem Mund zurückließ.

Die Zahlen sind brutal: Hertha schoss 3,8 Expected Goals zusammen, die höchste Offensivleistung seit der 2. Bundesliga-Messung 2019. Brekalo beteiligte sich an vier Torschüssen, Kownacki verwandelte Kopfballchance Nummer sieben der Saison endlich mal ins Netz. Und doch nützt es nichts. Zwölf Punkte Rückstand auf Platz drei, sechs Spieltage noch – die Mathematik ist so gnadenlos wie der Märzregen am Rhein.

Die saison ist gelaufen, die lehre bleibt

Die saison ist gelaufen, die lehre bleibt

Leitl spricht von „Realismus“, Reese von „Weniger reden, einfach gewinnen“. Das klingt nach Selbsterkenntnis. Die Mannschaft brauchte den offiziellen Freibrief, um sich zu entfalten. Der Sportdirektoren-Wechsel, der angekündigte Etatstopp, die Abstiegszone zwei Punkte entfernt – plötzlich war der Druck weg, und mit ihm die Lahmung. Der Beweis: seit der Paderborn-Pleite zwölf Punkte aus fünf Spielen, davor nur fünf aus sieben.

Was bleibt, ist eine Erkenntnis: Herthas Kader ist nicht zu schlecht für die Bundesliga, sondern zu verkrampft für die Zweite. Die sportliche Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist gewaltig. 23 Millionen Euro Transferaufwand, Platz elf – das verlangt nach Konsequenzen. Scout-Chef Peter Knäbel wird gehen, der Vorstand plant den Neuanfang ohne große Sprüche. Die Fans singen trotzdem, weil sie endlich wieder Selbstvertrauen sahen. Der Sieg in Düsseldorf ist ein Trostpreis, mehr nicht. Aber er erinnert daran, dass die Qualität im Kader schlummert – wenn sie endlich wach wird, bevor der nächste Druck kommt.