Goretzka geht – und bayern verliert mehr als nur einen mittelfeldspieler

Am Samstag wird Leon Goretzka in der Allianz Arena verabschiedet. Die Choreografie ist klar: Blumenstrauß, Collage, Standing Ovation. Doch was danach bleibt, ist keine Lücke im Kader, sondern ein Loch in der Seele des Rekordmeisters. Denn der 31-Jährige war längst kein Ersatzmann mehr – er wurde zum Lehrstück für eine ganze Generation.

Ein profi, der sich nicht erklären musste

Vincent Kompany redete in internen Besprechungen immer wieder von „unserem Vorbild“. Nicht von Davies, nicht von Musiala – von Goretzka. Warum? Weil der Mann, der 2024 noch als aussortierter Außenseiter durch die Kabine stapfte, ohne Murren zurück in die Startelf kämpfte. Kein Instagram-Rant, kein Berater-Poker, kein Trainingstrecker. Stattdessen: Extra-Schichten im Leistungszentrum, ruhige Ansprache an die jungen Wilden, Pflichtbewusstsein in Reinform.

Die Zahlen? 310 Pflichtspiele, 51 Tore, 52 Vorlagen. Kein Schwein wird sie auswendig zitieren, aber jeder erinnert sich an den August-Abend in Heidenheim, als Goretzka per Doppelpack das 3:3 rettete – und anschließend vor der Südkurve die Hände über den Kopf hob, als wollte er das Stadion einstampfen. Das war keine Show, das war Abschied in Echtzeit.

Die frage nach dem nachfolger bleibt offen

Die frage nach dem nachfolger bleibt offen

Ja, Pavlović passt sicherer, Bischof spritziger, Aseko-Nkili ist das Next-Big-Thing. Aber wer übernimmt die Kontrolle der Kabine, wenn Kimmich mal wieder mit Schiedsrichtern diskutiert? Wer erklärt einem 17-jährigen Talent, dass „Mia san mia“ kein Marketing-Slogan ist, sondern ein Lebensgefühl, das man sich verdient, nicht ausdruckt?

Boateng, der extra zur Abschiedsparty ins „Hoch5“ pilgerte, sagte gegenüber Perform: „Leon war der Kleber zwischen den Generationen. Ohne ihn platzt hier bald was.“ Klingt nach Klischee, bis man realisiert, dass Goretzka in dieser Saison sieben Mal als Joker kam – und fünf Mal direkt die Stimmung angezündet hat. Kein Wunder, dass Milan-Allegri ihn mit einem Dreijahresvertrag und fünf Millionen Netto lockt. Der Italiener weiß: Charakter kostet.

Die bayern zahlen den preis für konsequenz

Die bayern zahlen den preis für konsequenz

Sportdirektor Eberl und Vorstandschef Dreesen handeln logisch: 31 Jahre, hohes Gehalt, junge Alternativen. Doch der Mythos Bayern lebt nicht von Excel-Tabellen, sondern von Geschichten wie der von Goretzka – vom Aussortierten, der zurückkommt und die Meisterschaft feiert. Wenn in zwei Jahren ein 19-Jähriger auf der Couch sitzt, weil er nicht spielt, wird keiner mehr von „Role Model Goretzka“ erzählen können. Dann muss sich Kompany neue Märchen ausdenken.

Am 23. Mai könnte Goretzkas letzter Tanz im Pokalfinale gegen Stuttgart folgen. Vielleit steht er nur zehn Minuten auf dem Rasen, vielleicht schießt er in den Strafstoß-Krimi. Danach trägt er sich aus, die Kurve singt seinen Namen, und irgendwo zwischen Sekundenkleber und Champagnerdusche wird auffallen, dass manche Lücken nicht mit Talent, sondern mit Herzblut geschlossen werden müssen. Goretzka wird fehlen – nicht weil er der Beste war, sondern weil er der Letzte war, der noch wusste, wie man sich in München verhält, wenn die Welt mal wieder gegen einen ist.