Goldrausch in prag: hase/volodin krönen sich – und stolpern über das morgen
228,33 Punkte, die beste Marke ihres Lebens – und trotzdem hängt über dem neuen Weltmeister-Paar ein Fragezeichen, das größer ist als jede Trophäe. Minerva-Fabienne Hase und Nikita Volodin lagen sich in der Prager O2 Arena auf dem Eis, atmeten Goldstaub – und wichen danach jeder Antwort auf die einzige Frage, die zählt: Wie geht es weiter?
Der moment war perfekt, die zukunft offen
Kein Wackler, nur ein leicht verhakter Salchow, sonst: Glanz. Die Georgier Metelkina/Berulawa blieben fast zehn Punkte zurück, die Konkurrenz schaute in die Röhre. Hase sang die deutsche Hymne, Volodin – seit August 2025 offiziell Deutscher – summte mit. Dann kam die Pressekonferenz. „Wir müssen entscheiden, was wir tun wollen“, sagte Hase. Kein „Wir machen weiter“, kein „Das war erst der Anfang“. Nur ein Satz, der klingt, als hätte jemand das Ende schon mitverhandelt.
Die DEU-Führung um Präsident Andreas Wagner wirbt schon öffentlich: „Wir würden uns sehr freuen, wenn sie weitermachen.“ Dahinter: die Angst, dass das beste deutschen Paar seit Savchenko/Szolkowy sich gerade in die Eisshow-Welt verabschiedet. Holiday on Ice steht im Kalender, Hase muss Mitte Mai zum Bundeswehr-Lehrgang. Volodin hat noch ein russisches Visum in der Tasche. Beide sind 26, beide wissen: Noch eine Olympia-Vorbereitung bedeutet vier Jahre aus dem Leben reißen.

Zwischen gold und abschied nur ein sommer
In der Kabine war nach der Kür kein Champagner, nur „ein paar kühle Getränke“, wie Hase lachte. Man wollte nicht zu laut feiern, um das Nachdenken nicht zu stören. Dabei haben sie Geschichte geschrieben: Bronze 2024, Silber 2025, Gold 2026 – die stetige Steigerung, die selbst Aljona Savchenko erst mit ihrer dritten Partnerin schaffte. Die Technik passt, die Chemie auch. Aber der Sport ist hart, und die Eislauf-Welt knallhart.
Die Gage in Shows ist verlockend, das Training in der Früh um fünf Uhr weniger. Die DEU kann keine Millionen bieten, nur eine Startnummer für Milano 2030. Ob das reicht? Wagner wettert intern bereits gegen die „geldgierige Showindustrie“, die talentierte Paare wegschnappt. Dabei hat er selbst keine Macht über die Entscheidung. Die liegt bei zwei 26-Jährigen, die gerade merken, dass der größte Sieg auch der schwierigste Abschied werden könnte.
Die letzten Trainingstage in Berlin laufen auf Sparflamme. Volodin hat seine russische Familie an den Fernseher gebunden, Hase ihre Schwester nach Prag geflogen. Beide wissen: In vier Wochen entscheidet sich, ob das Gold von Prag der Höhepunkt oder der Auftakt war. Die Medaille liegt nachts auf dem Nachttisch, das Handy klingelt mit Show-Angeboten. Irgendwann müssen sie sich für eines der beiden entscheiden – und damit gegen das andere.
Bis dahin bleibt nur der Satz, den Volodin nach der Kür in den Mikrofonen murmelte: „Wir haben zusammen Geschichte geschrieben.“ Ob die Fortsetzung folgt, entscheidet nicht der Verband, nicht das Publikum, nicht einmal der Trainer. Sondern zwei Menschen, die gerade merken, dass manchmal der größte Triumph der schwerste Moment ist.
