England gegen uruguay: tuchel-duell mit bielsa wird zur wm-generalprobe
Es riecht nach Juli, schmeckt nach Wembley und klingt nach dem Achtelfinale, das noch gar nicht ausgelost ist. England trifft am Freitagabend auf Uruguay – zwei Teams, die sich bereits für die WM qualifiziert haben, aber nur eins von ihnen mit dem Gestank einer 1:5-Pleite im Gepäck anreist.
Maguire ist zurück, bielsa sucht antwort
Thomas Tuchel hat seine Three Lions durch die Quali geschickt wie ein Heißluftgewehr durch Butter: acht Spiele, acht Siege, 22:0-Tore. Gegner wie Albanien oder Andorra waren dabei nur Kulisse. Jetzt kommt erstmals wieder Feuer: Uruguay, frisch gebackener Südamerika-Vierter, bringt Marcelo Bielsas Presswahn mit, dazu Valverde, Bentancur und einen Suárez-Ersatz namens Darwin Núñez, der gegen die USA drei Tore und zwei Assists in 45 Minuten schleppte – nur leider für den Gegner.
Die 1:5-Klatsche in Kansas City steckt den Charrúas noch in den Knochen. Bielsa ließ das Team sofort nach London einreisen, um „die Scham aus den Lungen zu joggen“, wie er intern sagt. Seine Statistik seit Amtsantritt: sieben Siege, sieben Remis, vier Niederlagen – 28 Punkte, aber keine Antwort auf High-Press-Systeme mit Ballbesitzquote jenseits der 60 Prozent. Genau das aber liefert Tuchel seit Monaten.
Die englische Hauptversuchsanordnung ist längst klar: Jude Bellingham als falscher Neun, links hinten der wieder genesene Luke Shaw, rechts die Rückkehr des vermeintlich abgeschriebenen Harry Maguire. Der Verteidiger, in Manchester zum Sündenbock erklärt, ist bei Tuchel wieder First-Choice. „Er gewinnt 78 Prozent seiner Kopfbälle, bringt 11,2 km Laufleistung pro 90 Minuten und schreit lauter als der Wembley-DJ“, schwärmt der Bundestrainer. Maguire selbst sagt knapp: „Ich habe nie aufgehört, Nationalspieler zu sein – nur manche Journalisten haben aufgehört, das zu sehen.“

Wembley um 20.45 uhr – ein stadion wie ein mikroskop
90 Minuten dauert das Experiment, dann geht’s schon gegen Japan weiter. Doch dieses eine Match zählt doppelt: Für Uruguay ist es die letzte echte Prüfung vor Katar, für England der Test, ob Tuchels Automatismen auch gegen südamerikanische Intensität funktionieren. Die FIFA-Weltrangliste trennt beide nur um zwei Plätze (England 3., Uruguay 5.), die Buchmacher trennt eine ganze Welt: 1,57 für einen Heimsieg, 6,50 für den Außenseiter.
Die Partie läuft auf UEFA.tv, aber wer die Atmosphäre spüren will, sollte sich an die Torschützenwette halten: Bellingham liegt bei neun Toren in den letzten zehn Länderspielen, Núñez traf in seinen letzten drei – allerdings zweimal ins eigene Tor. Die Quoten sind ein Wink des Schicksals: Wer bis zur 75. Minute keine Karte gesehen hat, war nicht auf der Tribüne. Denn Bielsas Mannschaft foult im Schnitt alle 72 Sekunden, Tuchels Elf alle 78. Das ist keine Statistik, das ist ein Versprechen.
Am Ende zählt nur eins: Keiner will den Pott im Juli, jeder will die Antwort jetzt. Uruguay sucht die Würze, England die Bestätigung. Und Wembley? Das bekommt endlich wieder ein Abendspiel, das nicht von Sponsoren bestimmt wird, sondern von zwei Trainern, die sich nie die Hand geben würden – und deshalb umso heftiger um die drei Punkte kämpfen, die es im Freundschaftsspiel eigentlich gar nicht gibt. Die Uhr schlägt 20.45 Uhr, der Ball rollt, und die WM beginnt schon mal in unseren Köpfen.
