Bosnien schießt sich in wm-traum: italien wartet – barbarez zieht psychologische trumpfkarte
4:2 im Elfmeterschießen, 120 Minuten Herzblut, ein Keeper, der sich vom Buhmann zum Helden stempelte – Bosnien-Herzegowina lebt noch. Im Rücken der Dragons von Cardiff steht jetzt Italien, und Trainer Sergej Barbarez lacht in der VIP-Zone bereits wie ein Mann, der das Skatblatt As im Ärmel weiß.
Mental-check vasilj: vom patzer zur parade
Nikola Vasilj kratzte sich nach dem 0:1 nur kurz am Hinterkopf, dann war der St.-Pauli-Schlussmann wieder wach. In der 89. Minute hielt er den 2:2-Ausgleich fest, in der Verlängerung wehrte er einen Hammer von Brennan Johnson ab, und im Elfmeterschießen entschärfte er den entscheidenden Versuch von Neco Williams. „Ich habe ihm gesagt: Du stehst im Mittelpunkt, egal wie“, erzählt Barbarez. „Er hat geantwortet: ‚Chef, ich liebe genau diesen Moment.‘“ Die Statistik spricht für sich: Erstmals seit der Euro-Play-off-Serie 2020 gewann Bosnien wieder ein K.-o.-Duell außerhalb der eigenen vier Wände.
Edin Dzeko, 38 Jahre alt, aber immer noch der Dauergärtner bosnischer Träume, schob zum 2:2 ein, nachdem er zuvor die Kabine zusammengeschrien hatte. „Wenn du in Cardiff untergehst, kannst du Sarajewe direkt absagen“, hatte er vor dem Spiel gewarrt. Nun war er der erste, der nach dem Endpfiff mit dem Zeigefinger auf die mitgereisten 3.000 Fans zeigte – eine Geste, die selbst walisische Polizisten applaudieren ließen.

Barbarez zündet die italien-connection
Dienstag, 20:45 Uhr, Grbavica-Stadion: 13.000 Tickets waren binnen 90 Minuten ausverkauft, auf dem Schwarzmarkt kostet eine Stehplatzkarte mittlerweile 250 Euro. Barbarez aber schöpft Selbstvertrauen aus einem anderen Marktwert: fünf Legionäre, die ihren Alltag in Serie A verbringen. Sead Kolasinac (Atalanta), Ermedin Demirovic (Augsburg, aber italienische Fußspur via Spezia), Edin Dzeko (bis Januar bei Fenerbahce, davor Inter), Rade Krunic (Milan) und Nicola Katic (Venezia) kennen die kleinen Rabauke-Tricks der Squadra Azzurra. „Sie wissen, dass Italien zich Tage keine WM gesehen hat. Der Druck sitzt bei denen, nicht bei uns“, sagt Barbarez.
Die Zahlen geben ihm recht: Italien verpasste 2018 und 2022 die Endrunde, für Bosnien ist 2014 die einzige WM-Teilnahme seit der Unabhängigkeit. In den letzten fünf Duellen mit Italien holte Bosnien zwei Remis – beide in der Nations League 2021, beide mit Toren von Dzeko. „Wir spielen mit dem Rücken zur Wand, aber vor unserer Wand“, sagt der Kapitän. „Und diese Mauer singt 90 Minuten lang.“
Loic Nego, Ungarn-Legionär und früherer Puskas-Akademie-Profi, war nach dem Spiel mit bosnischem Pass in der Mixed Zone noch völlig heiser. „Wir haben einen Vorteil: Wir haben nichts zu verlieren. Italien muss gewinnen, sonst explodiert ihr ganzer Fußballapparat.“ Die Worte hallen durch den Kahlschlag der walisischen Nacht, und irgendwo in Sarajewo brennt schon jetzt das erste Feuerwerk.
Der Countdown läuft: 48 Stunden, dann trifft der Balkan auf die Apenninen. Für Bosnien ist es das Spiel des Jahrzehnts, für Italien die letzte Chance, dem eigenen Anspruch treu zu bleiben. Barbarez hat nur noch einen Satz parat: „Wenn du den Glauben hast, spielt die Rangliste keine Rolle. Und wir glauben.“
