Gold nur dank forster: deutschlands paralympics-crash in cortina
Cortina d’Ampezzo hat gezeigt, wie kalt ein Abschlussfeuerwerk sein kann, wenn nur eine einzige Athletin die Fahne hält. Anna-Lena Forster lieferte sich am Sonntagabend beim letzten Riesenslalom erneut einen Krimi, gewann Gold – und rettete Team D damit vor der totalen Blamage. Drei deutsche Siege in neun Tagen, sonst nichts. So dünn war nie zuvor die Goldausbeute der Bundesrepublik bei Winter-Paralympics.
Die retterin aus radolfzell
Monoskifahrerin Forster fuhr nicht einfach nur schnell, sie fuhr gegen die Statistik. Fünf Starts, vier Medaillen, zwei Mal ganz oben. Im Slalom verpasste sie Bronze um 0,08 Sekunden – eine Spanne, die in der Paralympics-Szene zwischen Triumph und Tränen entscheidet. Die 30-Jährige will weitermachen, vielleicht bis 2030 in die französischen Alpen. „Die Reizwirkung ist groß“, sagt sie, und niemand im Deutschen Behindertensportverband wagt es, öffentlich daran zu zweifeln. Denn ohne sie stünde Deutschland bei 78 teilnehmenden Nationen auf Rang 18 im Medaillenspiegel – hinter Kroatien, vor Liechtenstein.
Die Paralympics-Bilanz: vier deutsche Podeste. Forster holt alle Goldtöne. Silber in der Super-Kombi. Und sonst? Kathrin Marchand schreibt als erste Frau weltweit Olympia- und Sommer- sowie Winter-Paralympics-Geschichte, bleibt aber ohne Edelmetall. Platz zehn über 20 km Skating ist sportlich bemerkenswert, aber keine Medaille. Anja Wicker krallt sich Bronze im Biathlon – und wird prompt zur Nebensache in den Sportschau-Sendungen.

Die große show lief woanders
Während deutsche Zuschauer auf Streaming-Portale verwiesen wurden, lief in Cortina ein anderes Drama auf Hochtouren. Oksana Masters sammelt vier Goldstückerl, zieht mit insgesamt 13 Paralympics-Siegen gleich mit dem Gesamtbesten aller Zeiten. Geboren mit Strahlenfolgen nahe Tschernobyl, adoptiert, missbraucht – und nun mit einem Preisregal, das Museen ausstellen könnten. Die US-Amerikanerin liefert die Geschichte, die jedes Sponsoring-Depotment träumt. Die deutsche Konkurrenz liefert Excel-Listen mit „Perspektivkader“.

Russische hymne statt inklusion
Klimawandel trifft auf Geopolitik: Die Sonne glüht, der Schnee matscht, 15 Monoskifahrer krachen im Riesenslalom aus. Doch noch lauter ertönt die russische Siegesmusik. Wildcards für Athleten aus Russland und Belarus während des Angriffskriegs gegen die Ukraine – das IPC nennt es „Neutralität“, viele Athleten nennen es „Schlag ins Gesicht“. Silber für Linn Kazmaier und Guide Florian Baumann? Kam bei der Siegerehrung kaum an, weil nebenan die russische Flagge im Wind peitscht. Die Bilder gingen um die Welt – und kein deutscher Funktionär wagte öffentlich Protest.

Fernsehen statt wintermärchen
Die ARD-ZDF-App läuft stabil, wenn man sie findet. Eröffnung und Finale der Paralympics nur im Stream – das ist 2026 die digitale Armutsgrenze. Moderator Martin Rütter twittert: „Ein Witz!“ Die Quote: unter zwei Prozent. Der Vergleich mit Olympia: 70 Stunden Live im linearen Programm. Die Botschaft: Leichtathletik mit Prothese ist offenbar kein Prime-Time-Format. Dabei wäre genug Stoff für Dramen da gewesen.
Cortina liefert zwei Lehren: Erstens, ohne Forster wäre Deutschland bei den Winter-Paralympics medaillentechnisch ein Entwicklungsland. Zweitens, wenn Klimawandel und Krieg die Show stehlen, bleibt nur noch der Stream – und der schluckt Geschichten, die niemand erzählt.
