Giesing verliert seinen könig: karsten wettberg stirbt mit 84 jahren
Der Mann, der den TSV 1860 München aus der Provinz zurück in die zweite Liga schleuderte, ist tot. Karsten Wettberg, 84, „König von Giesing“, verstarb am Sonntag nach jahrelangem Kampf gegen sein Herz. Die Nachricht traf den Klub wie ein Bollerschlag – und mit ihm eine ganze Fußball-Generation, die seine wilden Siegesseren von 1990 nie vergessen wird.
54 Spiele ohne niederlage – die serie, die legenden schuf
Februar 1990, Bayernliga, Amateur-Fußball, zweite Geige. Dann kam Wettberg. Mit Käppis statt Krawatte, mit Zigarre statt Pressemappe. Er schwor die Löwen auf Sisyphos ein, ließ sie im Winter Trainingslager im Schnee absolvieren und führte sie 54 Pflichtspiele lang ohne Pleite. Die Folge: Aufstieg, Rummel, Rasen-Interview in der Unterhose – und ein neues Stadtgespräch. Giesing hatte wieder einen Helden, der nicht aus der Anzug-Ära stammte, sondern aus dem Rohbau des Amateurfußballs.
Roland Kneißl, damals Mittelfeld-Motor, erinnert sich: „Er hat jede Einzelkritik für sich beansprucht, jede Lobhudelei an die Mannschaft weitergegeben. Mit unheimlicher Leidenschaft – und mit einem Vokabular, das zwischen Brummi-Funk und Kanzel flackerte.“ Das war Wettbergs Geheimnis: Er redete nicht über Taktik, er redete über Leben. Und er schwor: „Wenn wir oben sind, schenk ich jedem ’n Kasten.“ Oben – das war die 2. Bundesliga. Das war 1991 Realität.

Nach dem höhepunkt der bruch – aber die liebe blieb
Doch nach dem Aufstieg riss der Faden. Streit mit der Geschäftsführung, Budgetfragen, Machtkämpfe. Wettberg ging – aber er blieb. Als Vizepräsident 2007/08, als Dauergast an der Grünwalder Straße, als Schiri-Beleidiger, als Schirm-Zertrümmerer, als Mensch, der im Vereinsbüro noch mit 80 Jahren anrief, um neue Talente zu melden. Er sammelte 51 Amateur-Meistertitel, saß im Kelheimer Kreistag, kandidierte für die SPD, erhielt 2006 das Bundesverdienstkreuz. Und er kickte jeden Sonntag, bis der Herzschrittmacher Nein sagte.
TSV-Geschäftsführer Max Merkel spricht von einem „Nuclearbunker an Erinnerungen“, der mit Wettbergs Tod nun endgültig aufschließt: „Er war unser biografischer Schnellschalter zwischen Hinterhof und Haupttribüne.“ Die Löwen werden am nächsten Heimspiel eine Schweigeminute einlegen, das Stadionband wird „Königlicher Märchenprinz“ spielen – Wettbergs Lieblingssong. Die Fans planen bereits ein Choreo mit Regenschirmen. Es wird bunt, laut, ein bisschen verrückt. Genau wie er.
Die Zahlen? 54 Spiele ungeschlagen, 51 Titel, 1 zertrümmertes TV-Mikro, 0 feige Tage. Giesing verliert seinen König – aber die Geschichte, die er erfand, läuft weiter. Ruhe in Frieden, Karsten. Und wer jetzt an der Grünwalder Straße vorbeiläuft, hört noch das Echo: „Aufstieg ist kein Geschenk, das ist ne Rechnung – und die zahlen wir bar!“
