Evenepoel stürzt, vingegaard bremst – godon profitiert vom fairplay-drama
24 Kilometer vor dem Ziel der dritten Etappenvorstadt von Tarragona jagt der Belgier Remco Evenepoel aus dem Peloton, als wäre Vallter schon morgen. Jonas Vingegaard zögert keine Sekunde, springt mit, und für zehn atemberaubende Minuten verwandelt sich eine Flachetappe in ein Kopf-an-Kopf-Rennen der Superlative.
Die Führung wächst auf 14 Sekunden, der Rückstand des Feldes auf über zehn. Dann, 800 Meter vor dem Ziel, streift Evenepoels Vorderreifen die weiße Zebrastreifen-Markierung. 60 Stundenkilometer, Asphalt, ein dumpfer Aufprall. Blut läuft über beide Körperseiten. Vingegaard blickt zurück, lässt sofort nach. „Ich wollte keinen Vorteil aus dem Unglück des Rivalen ziehen“, sagt der Däne später.
Fairplay kostet den sieg – godon doppelt nach
Die Geste wird bestraft. Das aufgeholte Feld schlingert in die letzte Rechtskurve, Dorian Godon schaltet früh, sprintet mit 29 Jahren und Ineos-Trainingswattzahlen zum zweiten Tagessieg. Er trägt bereits die weiße Führungsjersey, doch die Kameras suchen zwei andere.
Evenepoel taumelt über die Zielgerade, sein Blick leer. Teamärzte verarzten Schürfwunden an Ellbogen und Hüfte, ein Verdacht auf leichte Gehirnerschütterung bleibt. „Ich weiß nicht, was passiert ist. Das Lenkrad riss weg“, murmelt er, bevor er in den Medizinwagen steigt.
Vingegaard erhält Applaus der Mechaniker-Läufer, doch auf der Straße kostete der Verzicht acht wertvolle Sekunden. In der Gesamtwertung rutscht er auf Platz drei, drei Sekunden hinter Godon, fünf vor Evenepoel. Die Differenz klingt nach wenig, ist im Pyrenäenhochland aber ein Vermögen.

Drei bergetappen warten – jetzt zählt jeder atemzug
Ab Donnerstag geht’s hinauf zum Vallter 2000, 2143 Meter hoch, wo Sauerstoff dünn und Asphalt rau wird. Evenepoels Aufschlag wird mit Gips und Schmerzmitteln verrechnet, Vingegaards Kalkül lautet: Angriff, aber nur, wenn der Belgier wieder voll durchstehen kann.
Barcelonas Montjuïc steht am Sonntag als Schlusspunkt. Dort wird die erste Gelbe des WorldTour-Klassikers verteilt, und das peloton ahnt: Wer heute bremst, morgen bergauf zahlen. Die Zuschauer bekommen das Spektakel, das sie erhofft hatten – nur eben auf dem asphaltierten Schauplatz der Moral.
