Elvedi vor dem derby: ‚wir spielen um familie, punkte und pure emotion‘
Köln. Die Luft im Rheinland knistert wieder. Am Samstag rollt der Ball im Müngersdorfer Stadion, und Nico Elvedi spürt schon jetzt den Druck auf seiner Haut. „Spätestens nach dem Abpfiff gegen St. Pauli haben die Fans das Derby gegrölt“, sagt der Schweizer, „ein Lied, das mir seit 2016 im Ohr hängt.“ Für ihn wird es das 16. Mal sein, dass er in die Gladbacher Innenverteidigung rennt und die weiße Linie zwischen Hass und Liebe überschreitet – eine Zahl, die ihn zum lebenden Lexikon des größten Revierbrands der Bundesliga macht.
Warum dieses mal nicht nur drei punkte zählen
Tabellenletzter September, Tabellenvierzehnter im März: Die Chronik dieser Saison liest sich wie ein Krimi mit offenem Ende. Elvedi nickt, als er die Statistik heranzieht. „Wir haben 21 Gegentore nach Standards kassiert, das ist Liga-Negativrekord. Gleichzeitig liegen wir seit sieben Spielen ungeschlagen. Diese Achterbahn macht uns unberechenbar – und das Derby zur Zerreißprobe.“ Denn Köln steht nur zwei Zähler besser da, beide Klubs schielen auf Relegationsplatz 16. Wer hier verliert, rutscht auf Relegationsplatz 17. Die simple Mathematik des Abstiegs.
Der 29-Jährige weiß, dass die Zahlen lügen können. „In diesen 90 Minuten zählt nur, wer zuerst das Leder trifft und zuletzt die Stimme erhebt.“ Sein persönliches Ausrufezeichen steht seit 2017 in den Vereinsannalen: Kopfball, 89. Minute, 1:0-Sieg. „Mein Handy ist danach heißgelaufen. 312 Nachrichten. Selbst der Bäcker schickte ein ‚Danke‘ mit Brötchen-Emoji.“

Polanski, reitz und die frage nach der führung
Trainer Eugen Polanski war im Winter kurz davor, zum Sündenbock degradiert zu werden. Elvedi schmunzelt. „Eugen hat uns in der Kabine nicht mit Feuer und Flamme geredet, sondern mit offenen Karten. Er legte die xG-Werte aus, zeigte, dass wir 14 Treffer schießen sollten, nur acht erzielten. Dann sagte er: ‚Jungs, wir sind kein Schicksal, wir sind eine Lösung.‘ Seitdem trainieren wir mit 30 % mehr Laufpensum, aber er lässt uns freitags Bubble-Ball spielen. Das schmilzt Eis.“
Die Rocco-Reitz-Transfer-Panne, ausgerechnet in Derby-Woche veröffentlicht, empfindet er als Nebensache. „Rocco wird bis August Leipzig ran, aber bis Mai Gladbach rennen. Intern gibt’s null Drama. Er trägt morgen wieder die Binde, ich übernehme nur, wenn’s die Taktik verlangt.“ Elvedi selbst unterschrieb 2023 bis 2027, eine Unterschrift, die er nicht aufs Papier, sondern aufs Herz drückt. „Ich bin hier gewachsen, habe geheiratet, mein Sohn geht auf die Gladbach-Grundschule. ‚Familie‘ ist kein Marketingwort, es ist meine Realität.“

Die wunde namens kleindienst und der plan fürs finish
Tim Kleindienst, Torschützenkönig der 2. Liga, fällt seit Wochen aus. „Er sitzt beim Frühstück schon in Stutzen, nur um sich nah zu fühlen“, berichtet Elvedi. „Seine mentale Präsenz ist unser 12. Mann.“ Statistisch würden mit Kleindienst 0,42 Tore mehr pro Spiel erwartet – ein Wert, der Elvedi nicht kaltlässt. „Wir haben neu ausgeheckt, wie wir den Ball halten, statt ihn nur wegzuhauen. Das klingt banal, aber es spart uns pro Partie vier klare Gegentormöglichkeiten.“
Die Derby-Taktik? „Köln drückt früh, wir lockern sie mit diagonalen Bällen auf Diks, dann überbrücke ich die erste pressing-Linie mit Steilpässen auf Pléa. Unsere xG seit Februar: 9,4. Die Liga-Durchschnitts-Defensive kassiert in dieser Phase 11,2. Kleine Schritte, große Wirkung.“
Elvedi blickt auf die Uhr. „Am Samstag um 15.30 Uhr wird der Rasen brennen. Wenn wir gewinnen, springen wir voraussichtlich auf Rang 13. Das wäre kein Grund zum Jubel, aber ein Statement: Borussia lebt. Und ich? Ich spiele nicht für Statistiken, sondern für die 60 000, die ‚Fohlenelf‘ singen, bis ihnen die Stimme bricht.“
Der Countdown läuft. In 48 Stunden bestimmt ein Kopfball, ein Reflex, ein Schrei, wer im Mai noch erstklassig ist. Elvedi streicht sich durch die Haare. „Derby ist wie Familienfeier: laut, chaotisch, unberechenbar. Aber am Ende sitzen alle am selben Tisch – nur einer muss abwaschen.“
