Dsv stolpert in die krise: null siege, viele fragen – wer rettet den deutschen biathlon?

Null Einzelsiege, null olympische Goldmedaillen, nur neun Podestplätze: Die Bilanz der deutschen Biathleten klingt wie ein Satz mit drei Beinen – und ist dennoch die ganze Wahrheit. Zum ersten Mal seit der Einführung des Weltcups geht eine Saison ohne deutschen Sieg zu Ende. Der 33-jährige Philipp Nawrath lieferte mit Rang zwei im Oslo-Massenstart zwar ein versöhnliches Finale, doch der Riss durch das Konstrukt „Deutscher Skiverband“ ist längst sichtbar.

Trainer-exodus und ein erbe, das niemand antreten will

Kristian Mehringer verabschiedet sich, Sverre Olsbu Roiseland kehrt nach Norwegen zurück – privat, krank, verändert. Dahinter bleibt ein Vakuum, das laut Neuer Sportdirektor Bernd Eisenbichler „mit Handarbeit und klaren Ansagen“ gefüllt werden muss. Doch die Personalie ist nur ein Symptom. Strukturell hapert es an der Breite: Während die Frauen mit Julia Tannheimer, Selina Grotian und der 17-jährigen Sydney Wüstling einen Frischekick versprechen, droht bei den Männern ein Generationsbruch. Durchschnittsalter: 30 plus. Nachwuchs? Leonard Pfund und Hannes Lipfert waten noch in Nebelwänden weit hinter der internationalen Spitze.

Der scheidende Sportdirektor Felix Bitterling widerspricht der „Weltuntergangsstimmung“. Stimmt: Ein halbes Dutzend Ränge vier bis sechs deuten auf „fast“-Leistungen hin. Die Frage ist nur, wie viele „fast“-Saisons der Verband noch verkraftet, beiläufig erwähnte Sponsoren kündigen und TV-Quoten weiter sinken.

Zahlen, die wehtun: olympia-debakel und budget-angst

Zahlen, die wehtun: olympia-debakel und budget-angst

Die Mixed-Bronze von Peking war das einzige Metall, das Deutschland in der Lottery-Show „Olympia 2026“ zog. Ein einzelner Podestplatz bei 14 olympischen Rennen – das entspricht einer Trefferquote von 7 %. Für einen Verband, der seit zwei Jahrzehnten aus dem Talentpool der 80-Millionen-Republik schöpft, ist das ein Desaster mit Ansage. Die Konkurrenz aus Norwegen, Frankreich und Schweden baut dagegen auf Internatsstrukturen, Vollzeit-Analytics und Schieß-Generäle, die bereits mit zehn Jahren die Windgeschwindigkeit am Schießstand messen.

Und das Budget? Soll laut DSV-Sprecher „konstant“ bleiben. Doch intern flüstert man über Kurzarbeit für Techniker und eingefrorene Innovationsprojekte. Wenn der nächste Haushalt steht, will Eisenbichler „jeden Euro rechtfertigen“. Die Athleten fordern indes moderne Psychologen, nicht mehr PowerPoint-Präsentationen über „Mental-Resilienz“.

Franziska preuß zieht sich zurück – und hinterlässt ein vakuum mit größe 39

Franziska preuß zieht sich zurück – und hinterlässt ein vakuum mit größe 39

Die 31-jährige Franziska Preuß beendete ihre Karriere mit einem dritten Platz in Nove Mesto. Es war ihr einziger Podestplatz dieser Saison – und gleichzeitig der letzte Auftritt einer Athletin, die wie kaum eine andere für Präzision und Nervenkraft stand. „Jede Sportart hat mal ein Auf und Ab“, sagt sie. Das klingt nach Trost, ist aber auch ein Appell: Irgendwer muss jetzt die Führung übernehmen. Die Kandidatenliste ist kurz: Vanessa Voigt schwankt zwischen Weltklasse und Rasttagen, Denise Herrmann-Wick fehlt nach der Babypause, und Sophia Schneider kämpft mit Rückenproblemen.

Bei den Männern sieht es noch düsterer aus. Johannes Kühn (31) überlegt laut über ein Karriereende, Roman Rees (32) plant eine Auszeit. Weitersager Benedikt Doll (34) will weitermachen, „aber nur, wenn der Körper mitspielt“. Während andere Nationen ihre 25-Jährigen an die Weltspitze schicken, rotiert Deutschland um die 30er-Marke wie ein Schlittschuh ohne Kante.

Wie der dsv wieder nach vorn kommt: fünf baustellen, ein countdown

Wie der dsv wieder nach vorn kommt: fünf baustellen, ein countdown

1. Struktur: Ein neues Leistungszentrum soll 2027 in Oberhof stehen – zu spät für die kommende Saison. 2. Nachwuchs: Trainer Alexander Wolf fordert „mehr Wettkampfpraxis statt Nachmittags-Kaffeefahrten“. 3. Technik: Der neue Vizeweltmeister im Schießen, Sverre Dahlen Aspenes, berät künftig als Freelancer – ein Norweger, der den Deutschen hilft, Norwegens Erfolgsrezept zu kopieren. 4. Psychologie: Keine 08/15-Mentaltrainer, sondern Spezialisten für Leistungsdruck und Social-Media-Hass. 5. Transparenz: Endlich offene Zahlen zu Sponsoren, Gehältern und medizinischen Leistungen. Wer nicht misst, weiß nicht, wann er verliert.

Die Uhren ticken. In 180 Tagen startet der Weltcup in Östersund. Bis dahin muss Eisenbichler nicht nur neue Trainer präsentieren, sondern auch ein Narrativ: Warum sich ein Nachwuchsathlet in Deutschland lohnt, statt nach Norwegen oder den USA zu wechseln.

Die saison war eine rote karte – jetzt zählt die reaktion

Die saison war eine rote karte – jetzt zählt die reaktion

Wer jetzt nur von „schwierigen Bedingungen“ schwadroniert, verliert nicht nur Rennen, sondern auch Glaubwürdigkeit. Die Athleten wissen: Es gibt kein Recht auf Podest. Es gibt nur das Recht auf harte Arbeit – und die ist in den vergangenen zwölf Monaten zu oft mit der Begründung „fast“ abgebürstet worden. Die nächste Saison wird ohne Sieg-Druck beginnen, denn Druck entsteht erst, wenn jemand glaubt, gewinnen zu können. Deutschland muss diesen Glauben neu erfinden, sonst bleibt der Biathlon das, was er gerade ist: ein ehemaliger Riese auf Sockeln aus Erinnerungen.

Die Kristallkugel für 2027 zeigt kein Gesicht, sondern eine Frage: Wer tritt endlich aus dem Schatten der Alten? Wenn niemand die Antwort liefert, wird Nawraths zweiter Platz in Oslo nicht nur das Saison-Highlight, sondern die Visitenkarte einer Sportart, die sich selbst überholt hat.