Deutsche biathleten stehen vor schmach: null siege, sechs chancen – disl trotzdem optimistisch
Null Siege, null Siegeswillen? Beim Weltcup-Finale in Oslo droht dem Deutschen Skiverband eine historische Blamage: Zum ersten Mal seit 1978 könnte eine komplette Saison ohne deutschen Erfolg enden. Sechs Rennen bleiben, um das zu verhindern. Druck? Kein Thema, sagt Uschi Disl.
Disl sieht licht trotz tiefem tunnel
Die achtmalige Weltmeisterin wirkt gelassen, als hätte sie den Katastrophenwinter schon vor Jahren durchgespielt. „Wir müssen zwei Jahre rückwärtsleuchten, nicht nur diese eine Saison“, fordert sie im Gespräch mit dem SID. Ihre Diagnose: zu viele Krankheiten, zu wenig Zufall. „Es hat nie gepasst. Aber das schweißt zusammen.“
Sie setzt auf Selina Grotian, Julia Tannheimer und Marlene Fichtner, auf Männer wie Leonhard Pfund, Elias Seidl und Franz Schaser. Allesamt 20 bis 23 Jahre alt, allesamt noch ohne Top-Ten-Glanz, aber mit Startrecht am Holmenkollen. „Die Jungen sollen das Feeling mitnehmen, nicht die Last“, sagt Felix Bitterling, der den DSV nach dieser Woche verlässt. Seine Bilanz: „Nicht zufrieden.“
Die Zahlen sind gnadenlos. Von 36 Einzelrennen gewannen Norwegen und Frankreich zusammen 21 Mal. Deutschland holte drei Podestplätze – alles Einzelleistungen von Philipp Horn, Philipp Nawrath und Franziska Preuß. Teamerfolg? Fehlanzeige. Die letzte deutsche Siegserie endete vor zwölf Monaten mit Preuß’ Sprint-Sieg in Oslo – ironischerweise genau dort, wo nun die Rechnung präsentiert wird.

Junger angriff statt altherren-bonus
Disl verlangt Konsequenz. „Wir müssen fragen: Bekommen genug junge Athleten ihre Einsätze?“ Die Antwort steht im Skigepäck: Seidl, Schaser und Pfund reisen ohne WM-Erfahrung nach Norwegen, dafür mit Startnummern jenseits der 50. Der Verband setzt auf Lehrgeld statt auf Lebensversicherung.
Die Konkurrenz schläft nicht. Johannes Thingnes Bø und Quentin Fillon Maillet haben sich längst neue Standards gesetzt: Schießen schneller, laufen lockerer, siegen regelmäßiger. Disl nennt das „norwegisch-französische Diktat“. Wer da nicht mithalten kann, rutscht ab – bis auf Platz 15 im Nationencup, genau dahin, wo Deutschland derzeit steht.
Am Donnerstag um 16:15 Uhr beginnt für Vanessa Voigt & Co. die letzte Chance. Die Loipe am Holmenkollen ist berühmt-berüchtigt: 2,5 Kilometer steil hinauf, Windböen aus West, 30.000 Zuschauer, die jeden Fehler mitschreien. Ein Schuss kann reichen, um die Saison zu retten – oder endgültig zu begraben.
Disl bleibt hart. „Wer jetzt den Kopf senkt, hat nächstes Jahr keinen Startplatz.“ Für sie ist Oslo kein Finale, sondern ein Aufgalopp. Die nächste Saison beginnt im Mai, mit Rollski, Schießtraining und der Erkenntnis: Ohne Sieg geht es nicht, aber mit Siegeswillen allein auch nicht. Die deutschen Biathleten müssen am Holmenkollen beweisen, dass sie bereit sind, die eigene Geschichte umzuschreiben – sonst schreibt sie jemand anderes für sie.
