Das karli klapp seine türme weg: potsdams stadion-zauber wird 50
Kein Ort in Potsdam vereinigt so viel Neugier und Nostalgie wie das Karl-Liebknecht-Stadion. Die 38-Meter-Kolosse vor dem Park Babelsberg sind keine gewöhnlichen Flutlichtmasten – sie knicken auf Knopfdruck ein, damit der Blick vom Flatowturm aufs Jagdschloss Stern frei bleibt. Am 10. Juli wird diese technische Kuriosität 50 Jahre alt, und mit ihr ein Stadion, das zwischen DDR-Baustoff, Frauen-Europapokal und drohendem Hamburg-Umzug oszillierte.
Der zauber begann in einer baumschule
1924 verbannte die Parkverwaltung die Arbeiter-Kicker aus dem Volkspark. Die Nowaweser BSG-ler schnappten sich Schaufeln und richteten auf einer verlassenen Baumschulfläche den ersten Rasen her. 15.000 Sägen, Spatenstunden und 53 Jahre später stand das neue Stadion, erbaut von Feierabendbrigaden und sowjetischen Kettenschleppern. Einziger Höhepunkt der ersten Dekade: 1977 die WM-Qualifikation DDR gegen Malta, ausverkauft, 15.000 Kehlen, 9:0. Danach wurde längst nicht mehr jedes Spiel besucht, aber jede Laterne bewundert.
Die Stadt wollte keine „Verschandelung“ der barocken Sichtachsen. Also entwarfen Ingenieure Masten mit Gelenk, 23 Meter hoch. Per Seilwinde liegen sie heute noch flach auf dem Boden – ein Vorgang, der vor jedem Abendspiel exakt 27 Minuten dauert und Touristen ebenso magnetisch anzieht wie den FC-St.-Pauli-Fan, der 2018 versehentlich beim Einlass seine Dauerkarte für das Millerntor zeigte und trotzdem reingelassen wurde, weil der Potsdamer Ordner meinte: „Wenn einer unsere Masten sehen will, kriegt er ‘ne Karte.“

Turbine, treue und der fast-klub-umzug
2005 feierten die Turbine-Frauen hier den Europapokal der Landesmeister, 2001 stürmte der SV Babelsberg mit einem 3:1-Sieg über Fortuna Düsseldorf in die 2. Bundesliga. Die Erfolge verpufften finanziell. Sanierungskosten stiegen, die Stadt drückte aufs Budget, der Club drohte mit Auswanderung nach Hamburg. Am Ende blieb der SVB – nicht zuletzt dank Fan-Protesten, die mit selbstgebauten Mini-Masten durch die Brandenburger Straße zogen und riefen: „Wir klappen uns nicht weg!“
Heute kostet ein Dauerkarte für Block C 139 Euro, ein Bier kostet 4,20 Euro und der Blick auf die parkähnliche Kulisse ist weiterhin gratis. Die Masten werden weiterhin eingeklappt – rund 160 Mal pro Jahr, verursacht 0,7 Gramm CO₂ pro Knickvorgang, spart aber 14.000 Euro Einsparpotenzial an alternativem Denkmalschutz. Kein anderes deutsches Stadion kann das vorweisen.
Christian Raschke, Geschichtswerkstattler und Nulldreier seit 1998, streift durchs Mittelfeld-Gewirr der Erinnerung. Er zählt die Bäume statt der Tore: 47 Linden, drei Eichen, ein verirrter Ginkgobaum hinter der Südtribüne. „Wenn die Flutlichter angehen, glühen die Kronen wie Kohle“, sagt er. Und dann jene Szene: Nach dem Abpfiff klappen die Masten zurück, der Stadion-Schrei verhallt, die Park-Sichtachse kehrt zurück – Potsdam atmet auf. Für Raschke ist das Karli kein Monument, sondern ein Organ. „Wenn wir wegzögen, würde die Stadt einen Herzschlag verlieren.“
Am 10. Juli jährt sich der Spatenstich zum 50. Mal. Der SV Babelsberg plant ein Benefizspiel gegen Alt-Hertha, Turbine Potsdam lässt ihre 2005er Siegermannschaft antreten – und die Flutlichtmasten werden am frühen Abend ein einziges Mal nicht eingeklappt. Stattdessen leuchten sie die Nacht, bis der Flatowturm im Morgennebel erscheint. Die Sichtachse wird also kurz gebrochen, aber das Herz des Karli schlägt weiter. 50 Jahre – und kein Ende in Sicht.
