Boykott-trübsal statt feststimmung: mailand eröffnet lahme winter-paralympics

Um 21.19 Uhr sprach Sergio Mattarella das magische „Sì“ – doch das Amphitheater von Verona klang wie ein leeres Fass. 27 Nationen fehlen, die Hälfte der roten Plüschsitze blieb unbesetzt, und als die russische Fahne als Nummer 44 einzog, hallte Applaus ebenso wenig wie Pfiffe. Die 14. Paralympischen Winterspiele sind eröffnet, doch ihre erste Disziplin lautet: diplomatisches Tauziehen.

Der zauber ist abgeblasen

611 Athleten, 79 Entscheidungen, sechs Sportarten – statistisch ein Rekord. Realität: Ein verkürzter Einmarsch per Video, Interpreten der italienischen EDM-Band Meduza, die Flaggen von Ehrenamtlichen tragen müssen, und ein IPC-Präsident Andrew Parsons, der sich ins Abstrakte flüchtet: „Ich ziehe es vor, Länder unter den Namen ihrer Sportler zu kennen.“ Klingt nach Frieden, wirkt wie Verdrängung. Denn die Karteien heißen heute Mattarella, Putin, Lukaschenko – und niemand will sie auf der Ehrentribüne.

Deutschland schickt nur zwei Vorab-Clips: Monoskifahrerin Anna-Lena Forster und Eishockey-Urgestein Jörg Wedde wedeln 15 Sekunden ihre Schwarz-Rot-Gold-Fahnen, aufgenommen am vergangenen Dienstag in Cortina. Die restlichen 40 deutschen Starter verfolgen das Spektakel im „Deutschen Haus“ – Sicherheitsabstand inklusive. Die offizielle Begründung: „enge Terminlage und lange Wege“. Die unterschwellige: Keine Lust, neben Russlands und Belarus’ Wildcards zu sitzen. Sechs Russen und vier Belarus sind per IPC-Entscheidung dabei – als „neutrale“ Athleten, mit olympischer Lizenz, aber ohne Nationalflagge an den Wettbewerbsorten. Symbolik hin, Symbolik her: Die Wildcards waren der Zünder, der den Boykott-Sprengkörper zündete.

Ukraine und iran – abwesend, aber präsent

Ukraine und iran – abwesend, aber präsent

Die Ukraine bleibt komplett zu Hause, die baltischen Stauten ebenso. Ihr Protest richtet sich gegen die Aufhebung des Russland-Bans – und gegen jene Politik, die Kriegshandlungen mit Sportkontinuität vermählt. Iran wirkt auf Nachfrage sogar als Fernschreiber mit: Der einzige Qualifikationsläufer Aboulfazl Khatibi Mianaei kann wegen der eskalierenden Nahost-Konflikte nicht sicher einreisen – sein Startplatz bleibt leer, die Startnummer rief niemand mehr ab. Es ist das erste Mal seit 1992, dass eine Nation wegen „nicht sicherer Anreise“ kurzfristig komplett absagt.

Die Organisatoren sprechen von „solidem Fundament“ und „Jubiläum der Winter-Paralympics“. Tatsächlich jubiliert nur die Excel-Tabelle: 55 statt 48 Nationen, 611 statt 564 Athleten. Doch die leeren Sitze im Amphitheater sind das eindringlichere Protokoll. Kein Zuschauersturm, keine Fernseh-Kulisse, stattdessen ein diffuses Gefühl von „Wir müssen durch“. Sogar der italienische Tourismusverband schaltete keine zusätzliche Flutlichtanlage – Strom sparen, Kosten senken, Gesichter wahren.

Die athleten sind da – und trotzdem fehlt jemand

In den nächsten neun Tagen wird über 79 Mal Gold vergeben. Der Countdown läuft, die Monoskis sind gewachst, die Steine im Curling gebohrt. Doch die emotionale Leere bleibt. Kein ukrainischer Anfeuerungsruf, kein iranischer Fanblock, kein deutscher Ministertisch. Was bleibt, ist ein schaler Nachgeschmack, der sich nicht mit Rekordzahlen wegwischen lässt. Die Sportler werden ihre Geschichten schreiben – aber sie werden sie in einem halbleeren Kapitel der Paralympics-Geschichte erzählen. Das ist keine Feststimmung, das ist ein Schattenspiel mit VIP-Logen, in denen niemand mehr lacht.