Bayern-flug nach bergamo: die italiener haben dortmund schon zerlegt

Die Nacht von Dienstag auf Mittwoch könnte für den FC Bayern ein Spiegel werden: Atalanta hat Borussia Dortmund vor drei Monaten noch mit offenen Helmen über den Haufen geritten, nachdem sie im Hinspiel wie ein Boxer am Seil hingen. Jetzt kommt München – und mit ihm eine Mannschaft, die in der Serie 92 Buden geschossen hat, aber auch zwei Leistungsträger mit Fragezeichen.

Kane und neuer: die leidensgeschichte geht weiter

Harry Kane laboriert an der Syndesmose, Manuel Neuer tauschte sich beim 4:1 gegen Gladbach in der Pause aus, weil die Adduktoren zwickten. Beide sitzen im Flieger Richtung Lombardei, doch Vincent Kompany wird bis zuletzt pokern. Ohne Kanes Abschlussmaschine und ohne Neuers Spieleröffnung wirkt der deutsche Rekordmeister plötzlich menschlich. Die Statistik verrät: In den jüngsten acht Partien ohne Kane sank die Torquote um 23 Prozent.

Atalanta dagegen schwelgt in Vollbesetzung. Trainer Gian Piero Gasperini rotiert seine Sturmreihe wie ein Schrotflinten-Magazin: Lookman, De Ketelaere, Zapata – jeder kann dribbeln, jeder tritt wie ein Maultier. Die Serie A nennt das „pressing a trazione anteriore“, ein Vorwärts-Sog, der selbst Spitzenteams in Zwischenlinien drückt.

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Wer nicht zahlen will, kann den kostenlosen Probemonat von Prime nutzen und nach 90 Minuten wieder kündigen – ein Geschäftsmodell, das so italienisch ist wie Espresso nach dem Abendessen. Die echten Zahlen aber stehen auf dem Platz: Bergamo verwandelte gegen Dortmund vier aus fünf Großchancen, Bayern kassierte in der Gruppenphase noch drei Gegentore gegen die Null-Counter von Paris. Die Prognose wird zur Wetterlage: Wer zuerst trifft, dem gehört die Nacht.

Luca Toni, einst Stürmer der Münchner, warnt im Gespräch mit der Lokalzeitung: „Atalanta spielt nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Messer zwischen den Zähnen.“ Seine Pointe trifft den Nagel auf den Kopf: Die Italiener kennen keine Halbwertszeit, sie kennen nur Vollgas oder Hospital.

Die letzte Frage lautet nicht, ob Bayern gewinnt, sondern wie viele Liter Puste es kostet. Nach 25 Liga-Spielen und 92 Toren steht das Team vor der Paradoxie: Je mehr man trifft, desto höher die Erwartung, die einen erdrücken kann. 1971/72 schossen die Bayern 101-mal – am Ende wurde Meister, aber nicht Europapokalsieger. Die Geschichte lehrt: Tore schießen ist eine Sache, Atalanta ausknocken eine andere.

Um 21 Uhr ertönt die Anstoß-Flöte, um 23 Uhr wissen wir, ob München weiter träumen darf oder ob Bergamo wieder ein deutsches Riesenprojekt in Trümmer legt. Die Wette: Wer die erste Viertelstunde übersteht, ohne dass Gasperinis Jungs das Leder durch die Reihen pflügen, der hat eine Chance. Die andere Wette: Dass Kompany trotz Kantersieg in der Liga bis tief in die Nacht hin- und herrechnet, wie viele Millimeter seine Abwehr bei einem Konter zuzulassen hat.

Am Ende zählt nur die Tabelle der Nächstenliebe – und die beginnt in Bergamo mit einem Schlag auf den Ball, nicht mit einem Freifahrtschein.