Balljunge wird zum matchwinner: neto trifft, danach kommt die wende

Ein Balljunge im Parc des Princes, ein portugiesischer Flügelstürmer voller Adrenalin – und plötzlich ist der 14-Jährige Teil der Nachrichten. Pedro Neto jagt den Ball in der 78. Minute, rammt ihn aus Frust über die Auswechslung in die Werbetafel, der Junge fliegt mit. 45 000 Zuschauer pfeifen. Drei Minuten später liegt Neto auf der Bank, schlägt die Hände vors Gesicht. Die Geschichte könnte dort enden. Sie tut es nicht.

Die sekunde, in der der balljunge zum star wird

Die sekunde, in der der balljunge zum star wird

Was folgt, ist keine PR-Inszenierung, sondern purer Sport. Neto wartet nach dem Schlusspfiff vor der Kabine, sucht den Jungen, drückt ihm sein Trikot über den Kopf, macht ein Selfie. Die Bilder gehen viral, weil sie genau das zeigen, was Profis vergessen: dass der Balljunge nicht Teil der Kulisse ist, sondern Teil des Spiels. In Mailand nennen sie das „il raccattapalle“, und die Geschichte ist so alt wie die Curva selbst.

1982 trifft Giuseppe Savoldi per Fallrückzieher, der Ball liegt aber außerhalb. Der Junge wirft ihn schnell zurück, Savoldi trifft – Tor zählt. 1997 wirft Angelo Pagliuca beim Abstoß den Ball an Fabio Cannavaro vorbei, trifft stattdessen einen Balljungen am Kopf. Der Junge blutet, bekommt danach die Handschuhe des Keepers geschenkt. 2018 schlägt Davide Caprari eine Ecke, der Ball prallt an einem Jungen ab und landet direkt bei Edin Džeko – Tor, 3:2-Sieg für Rom.

Und dann ist da noch José Mourinho. 2010, Champions-League-Viertelfinale, Inter vs. Chelsea. Ein Balljunge schob den Ball zu Estebán Cambiasso, statt ihn wie üblich zu verzögern. Mourinho griff sich einen Zettel, schrieb „Grazie“, unterschrieb, steckte ihn dem Jungen zu. Inter gewann 1:0. Der Junge, Noel, ist heute 28 und arbeitet als Scout für den FC Liverpool. Seine Visitenkarte: ein verknittertes Pizzino mit der Unterschrift des «Special One».

Die Zahlen sind klein, die Wirkung groß. Laut einer Studie der Universität Florenz verändern Balljungen in Serie A durchschnittlich 3,4 Sekunden pro Spiel – genug für ein Tor, eine Gelbe Karte, einen Konter. Die Klubs wissen das. In Bergamo zahlt Atalanta den Jungen ein Winmeldungs-Honorar von 150 Euro pro Partie, plus VIP-Tribüne für die Eltern. In Neapel dürfen sie im Training mitspielen, in Turin bekommen sie die Schuhe der Stars geschenkt. Die Botschaft: Wer den Ball kennt, kennt das Spiel.

Was niemand erzählt: Die Jungen sind keine Zufallsfiguren. Sie trainieren zweimal die Woche, lernen, wann man den Ball schnell zurückwirft – und wann man ihn festhält. Ihre Trainer nennen das „Taktik der Unsichtbaren“. Wer zu schnell ist, stört den Gegner. Wer zu langsam ist, bestraft den eigenen Verein. Der Parc-des-Princes-Junge, Léo Cohen, 13, spielt selbst beim FC Paris St-Cloud U15. Sein Vater erzählt, Léo habe Neto nach dem Foul gefragt: „Warum so wütend?“ Neto antwortete: „Weil ich verlieren wollte, aber nicht verlieren durfte.“ Léo verstand. Seitdem trägt er das Trikot beim Training. Er hat noch kein Tor erzielt. Aber er spielt wie ein Sieger.

Die Ligue 1 wird diese Woche ein offizielles Dankeschreiben an die 320 Balljungen verschicken. Darin steht ein Satz, der so klingt, als hätte Mourinho ihn diktiert: „Ihr seid keine Kulisse. Ihr seid das Spiel.“ Die Wahrheit ist noch simpler: Ohne den Jungen kein Ball. Ohne Ball kein Tor. Und ohne Tor keine Geschichte, die sich morgen wiederholt. Das nächste Mal rollt der Ball vielleicht zu dir. Fang ihn. Dann bestimmst du das Ergebnis.