Anna hollandt stellt die skier endgültig in die ecke – vikersund wird zur emotionalen abschiedsbühne

Nach Katharina Schmid tritt nun auch Anna Hollandt zurück. Die 29-jährige Fränkin lässt am Wochenende in Vikersund die Skiflug-Saison und ihre Karriere ausklingen – mit 168 Weltcup-Einsätzen, zwei Team-Weltmeistertiteln und einem breiten Grinsen, das die ganze Branche kennt.

Christian Schneider, TSV Pelkum Sportwelt

Ein letzter flug statt tränen

Hollandt sagt es so, wie sie immer gesprungen ist: unverblümt. „Ich freue mich richtig auf Vikersund“, erklärt sie, während andere Athleten bei Abschiedsvideos schon mit dem ersten Satz schluchzen. Für sie ist das Skifliegen keine Zumutung, sondern ein Privileg. „Als Frau ist das nicht selbstverständlich“, betont sie – und trifft damit den Nagel auf den Kopf, denn erst seit 2024 starten die Frauen regelmäßig auf den Kulmen, die sonst nur die Männer dominieren.

176 Meter sind ihre Bestmarke, aufgestellt in Oberstdorf. Ein neuer Versuch auf dieser Länge? „Richtig cool wäre es“, sagt sie und lacht, als hätte sie den Sprung schon im Kopf. Druck? Fehlanzeige. „Wenn nicht, ist das auch okay.“ So locker spricht kaum jemand, der am Sonntag das letzte Mal die rote Latte passiert.

Goldener abschied mit mixed- und team-titel

Goldener abschied mit mixed- und team-titel

Zur Erinnerung gehören zwei WM-Titel: 2021 in Oberstdorf gewann sie mit den Jungs im Mixed-Bewerb, 2023 in Planica holte sie mit dem Damenteam Gold. Dazwischen lagen Crashs, Windverzögerungen, ein Kreuzbandriss und dutzende Nächte im Hotelzimmer, wo sie statt Netflix-Quiz die Startlisten auswendig lernte. Doch die Zahlen, die zählen, stehen fest: 168 Weltcup-Starts, kein einziger Wegfall wegen Nervenzusammenbruchs.

Ihre Kolleginnen wissen, was sie verlieren. „Anna war unsere Streitschlichterin und gleichzeitig die, die beim gemeinsamen Frühstück die Marmelade wegschnappt“, scherzt Weltmeisterin Schmid. Hinter dem Witz steckt Respekt: Hollandt galt als unverbesserliche Teamplayerin, die selbst nach einem 25. Platz noch die Lautsprecher-Disco im Bus anzettelte.

Ein loch im kader, das niemand so schnell füllt

Ein loch im kader, das niemand so schnell füllt

Der Deutsche Skiverband (DSV) verliert innerhalb von zwei Wochen zwei Fixpfeiler. Schmid war die Siegmaschine, Hollandt das emotionale Rückgrat. Trainer Andreas Bauer muss nun eine neue Lautstärke im Team finden – und vor allem Erfahrung, die man nicht einfach durch jugendliche Sprungkraft ersetzt. Die Nachwuchsgruppe um Agnes Reisch und Selina Freitag ist talentiert, aber noch grün hinter den Ohflügen.

Die Startnummer 8, die Hollandt in Vikersund trägt, wird künftig an Neulinge vergeben. Ein kleines Stück Erinnerung verschwindet damit aus der Liste. Doch die 176-Meter-Marke in Oberstdorf bleibt – als Warnung und Ziel zugleich.

Am Sonntag um 14:30 Uhr Ortszeit hebt sie ab. Kein Druck, nur ein letzter Schwung, ein letzter Flug. Dann wird sie die Skier in die Ecke stellen, den Helm an die Wand hängen und vermutlich erst einmal ein zweites Frühstück bestellen. Der Frauen-Skiflug verliert eine Ikone, Vikersund gewinnt eine Geschichte, die man den Enkeln erzählt. Und Hollandt? Die wird bald wieder lachen – diesmal ohne Anlauf.