Ambri muss sieben schlüsselspieler neu verpflichten – weibel steht vor mammutaufgabe
Die Leventina ist ein Pulverfass. Nach einem Jahr, in dem beim HC Ambri-Piotta alles schiefging, was nur schiefgehen kann, beginnt die nächste Revolution. Sportchef Lars Weibel muss binnen weniger Wochen sieben auslaufende Verträge neu verhandeln – darunter zwei Topscorer, die den Klub sportlich am Leben hielten.
Michael joly und alex formenton halten ambri in atem
Die Zahlen sind gnadenlos: 178 Gegentore, Platz 11 in der Regular Season, ein blamables Minus von 44 Toren. Doch inmitten des Trümmerfeldes glänzten zwei Namen. Michael Joly traf 24-mal, Alex Formenton lieferte 37 Scorerpunkte. Ohne das Duo wäre der Abstieg in die Swiss League längst besiegelt gewesen. Jetzt sitzen beide auf gepackten Koffern. «Wir wollen wissen, wohin die Reise geht», sagte Joly nach dem Sweep gegen Ajoie. Die Antwort lässt auf sich warten.
Weibel weiß: Verliert er beide, muss er mindestens 50 Punkte Ersatz finden. In einem Markt, in dem jedes Team nach Schweizer Offensivpower sucht, gleicht das einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Intern spricht man offen von «Plan B»: Ein Import-Stürmer mit NHL-Erfahrung, ein Junioren-Nationalspieler aus der NL – und ein Wunder, dass sich die Salärstruktur nicht sprengt.

Die abwehr ist ein schweizer käse
Fünf Verteidiger haben einen gültigen Vertrag, zwei davon – Tim Heed und Jesse Virtanen – sind Importe, die eigentlich punkten sollen, statt zu verteidigen. Die restliche Defensive besteht aus Luc Bachmann (19), Dario Wüthrich (26) und Isacco Dotti (32). Kein Einziger davon spielte in der vergangenen Saison mehr als 18 Minuten pro Partie auf NHL-Niveau. Die Lücke nach links ist riesig: Jesse Zgraggen und Zaccheo Dotti dürfen gehen, stehen aber noch immer ohne Angebot da. «Wir schauen uns intern und extern um», sagt Weibel vorsichtig. Was heißt: Entweder man verlängert aus Mangel an Alternativen – oder man gräbt in der talentarmen Schweiz nach einem erstaunlichen Fund.
Die Zahlen sprechen gegen Ambri. Die Liga verzeichnete 2024 die niedrigste Scoring-Rate der Verteidiger seit zehn Jahren. Trotzdem verlangen Agenten für jeden halbwegs mobilen NL-Verteidiger mittlerweile über 500.000 Franken pro Saison. Weibel budgetierte ursprünglich 4,2 Millionen für den gesamten Kader. Jetzt droht allein die Abwehr die Marke von 1,5 Millionen zu sprengen.

Gilles senn und philip wüthrich: das einzige ruhepol
Hinter der zerrütteten Abwehr standen zwei Männer, die eigentlich nur retten wollten. Senn rettete mit 90,4 Prozent Fangquote das Gesicht, Wüthrich stach in den Playouts mit 92 Prozent hervor. Beide bleiben, beide wissen: Die zweitschlechteste Defensive der Liga war nicht ihre Schuld. «Wir haben oft 40 Schüsse kassiert», sagt Senn. «Das ist kein Torhüter-Problem, das ist ein System-Problem.» Trainer Jussi Tapola, frisch um drei Jahre verlängert, muss nun ein System finden, das nicht wie ein Sieb wirkt. Die Leventina wartet seit 2021 auf einen Saisonstart ohne Krisengipfel.

Chris tierney ist geschichte – und mit ihm 30 punkte
Während Joly und Formenton noch zögern, steht eines fest: Chris Tierney wird nicht verlängert. Der Kanadier lieferte 30 Scorerpunkte, war aber in entscheidenden Phasen unsichtbar. Intern monierte man mangelndes Engagement in der Defensive. Tierney selbst zeigte sich enttäuscht: «Ich dachte, ich bekomme eine zweite Chance.» Stattdessen flatterte nur ein Anruf vom Equipment-Manager: «Brauchst du noch Schlittschuhe zum Mitnehmen?»
Die Trennung spart 650.000 Franken. Doch der freie Kapitalstock reicht nicht, um alle Lücken zu stopfen. Weibel kalkuliert mit maximal zwei Import-Stürmern. Wenn Joly und Formenton gehen, muss mindestens ein Schweizer Top-6-Stürmer her. Die einzige Option: ein Tauschgeschäft mit Draft-Picks – oder ein Junioren-Star, der bereit ist, unter Marktwert zu unterschreiben.

Die uhr tickt – und die fans werden unruhig
Noch 63 Tage bis zum ersten Training. In dieser Zeit muss Weibel sieben Verträge verhandeln, zwei Import-Plätze besetzen und die Löhne so drücken, dass die Liga-Auflagen eingehalten werden. Die Fangemeinde reagiert mit gemischten Gefühlen. «Wenn Joly und Formenton gehen, sehe ich schwarz», sagt Capo Andrea aus der Curva Sud. «Aber vielleicht bringt uns der neue Sportchef ja den nächsten Andrighetto.»
Die Realität sieht anders aus. Die NL hat sich in den vergangenen Jahren professionalisiert, Ambri hingegen wirkt wie ein Betrieb, der noch mit Excel-Tabellen arbeitet. Weibel selbst gibt sich kämpferisch: «Wir werden eine schlagkräftige Truppe aufs Eis bringen.» Ob diese Truppe aus bewährten Gesichtern oder verzweifelten Notlösungen besteht, entscheidet sich in den nächsten Wochen. Die Biancoblù haben nichts verspielt – aber alles zu verlieren.
