Aicher attackiert shiffrin: „ich will nicht, dass mich punkte verändern“

219 Zähler fehlen, neun Rennen sind noch zu fahren – und Emma Aicher behandelt den Gedanken an die große Kristallkugel wie einen nervösen Hund: Sie schaut weg. „Ich fahre nicht besser Ski, wenn ich Tabellen studiere“, sagt sie 24 Stunden vor der Abfahrt von Val di Fassa, zieht die Stirnlampe des Interviews runter und lächelt dabei so entspannt, als hätte sie gerade einen Freundschaftslauf beim Klubabend gewonnen. Dabei hat die 22-Jährige die Saison 2025/26 längst zur eigenen Revolte erklärt: drei Weltcup-Siege, Doppel-Silber aus Peking, Rang zwei im Gesamtweltcup – und trotzdem redet sie so, als wäre das alles Nebensache.

Die methode aicher: druck weglassen, speed dazugeben

Andere zittern, wenn Mikaela Shiffrin im Rückspiegel auftaucht. Aicher dreht den Spiegel weg. Seit zwei Jahren arbeitet sie mit einem Mentalcoach, der sie lehrt, dass sich Selbstvertrauen nicht aus Podestplätzen nährt, sondern aus der Fähigkeit, sich selbst zu vergessen. „Ich bin ein ruhiger Typ“, sagt sie, „aber dieser Fokus aufs reine Skifahren hat meine Hirnwellen verändert.“ Das Ergebnis: Sie rutscht mit 130 km/h durch die Vertikale von Val di Fassa, ohne dass ihre Pulsfrequenz ins Rot läuft. Das ist keine Esoterik, sondern Sportwissenschaft in Reinform. Wer ihre letzten Rennsplits analysiert, findet eine Konstante: Ihre Fehlerquote sinkt proportional zur Lautstärke ihrer Umgebung.

Die Gegnerin im Visier? Laura „Lolli“ Pirovano. Nicht Shiffrin. „Bei ihr sieht alles leicht aus, als hätte sie einen Routing-Plan im Kopf“, schwärmt Aicher. Ein Kompliment, das gleichzeitig Drohung ist – denn genau diese Elegenz will Aicher kopieren und dann beschleunigen. Die Italienerin liegt im Abfahrtswinkel 70 Punkte hinter ihr, aber Aicher redet, als wäre Pirovano die Messlatte, nicht Lindsey Vonn, die trotz Verletzung noch die Disziplinen-Wertung anführt.

Silber aus peking? schön, aber nicht befriedigend

Silber aus peking? schön, aber nicht befriedigend

Die Medaillen aus China hängen in einem Schattenrahmen daheim in Schweden, wo sie aufwuchs. „Silber ist wie ein Teaser-Trailer“, sagt sie, „du kennst die Story, aber das Happy-End fehlt.“ Deshalb trainiert sie auch Sonntag früh noch, wenn die Gondeln schon rattern und die Pistencrews die Fangzäune einrollen. Kira Weidle-Winkelmann, Teamkollegin und Co-Silberträgerin, berichtet, dass Aicher nach dem Rennen in Soldeu erst einmal 15 Minuten lang jeden Torbogen noch einmal visualisiert hat – mit geschlossenen Augen, in der Kabine, während alle anderen duschen.

Der Vorsprung von Shiffrin schmilzt mit jedem Slalom, den Aicher nicht startet. Aber sie wird starten. Und das weiß auch die US-Amerikanerin, die plötzlich wieder von jemandem gejagt wird, der ihre eigene Coolness kopiert. Dreimal musste Shiffrin in den letzten Wochen ihre Taktik umstellen, weil Aicher auf Speed-Kursen Punkte klaute. „Sie zwingt mich, über Nacharbeit nachzudenken“, sagte Shiffrin nach dem Super-G in Cortina. Das ist der größte Sieg, den Aicher bereits verbucht: den Gegner reden lassen.

Val di fassa als schaltzentrale der psyche

Val di fassa als schaltzentrale der psyche

Die Abfahrt heute (Startnummer 7) ist kein Zwischensprint, sondern ein Stresstest für ihre Philosophie. Die Piste „La VolatA“ gilt als Rohrkrepierer für Athleten, die zu viel denken. Aicher will nichts denken. Nur fahren. „Wenn ich die Line tracke, spüre ich die Kälte der Karbonsohle, das Knirschen der Kanten, meinen Herzschlag im Ohrenschutz – mehr nicht.“ Das klingt nach Meditation, ist aber die konsequenteste Antwort auf die Frage, wie man sich selbst entkommt.

Sollte sie morgen gewinnen, wären es nur noch 169 Punkte bis zur Gesamtwertung. Aber selbst dann wird sie wieder diesen Satz sagen: „Ich möchte nicht, dass mich Ergebnisse verändern.“ Denn das ist das eigentliche Credo ihrer Saison: Wer sich selbst messbar macht, verliert die Kontrolle über das Unberechenbare. Und genau das macht sie so gefährlich für Shiffrin – und so faszinierend für uns. Die große Kugel? „Die kommt danach“, sagt Aicher und schnallt den Helm. Dann fährt sie los. Ohne Blick zurück.