29 Jahre danach: dortmund will den pott – und badet vorher im eis

Stuttgart – 29 Jahre nach dem ersten und bislang einzigen Pokal-Triumph greift Borussia Dortmund am Sonntag (16.30 Uhr, Dyn & DF1) beim „Haushahn Final4“ erneut nach dem silbernen Henkel. Die HSG Bensheim/Auerbach will Geschichte schreiben – und hat schon im Halbfinale bewiesen, dass sie sich mental nicht mehr vom Teppich holen lässt.

Die Zahlen sind kleine Zeitbomben: 1995 stand Dortmund erstmals im Finale, heute also zum zweiten Mal. Bensheim? Nie zuvor überhaupt ein Titel. Beide Teams mussten ins Siebenmeter-Krimi – und beide kamen zurück. Bensheim schaltet den Thüringer HC aus (34:32), Dortmund wirft Blomberg-Lippe raus (35:32). Das Finale verspricht keine Schönheit, sondern Rohstoff: Nerven.

Die eisbad-methode: sarah wachter packt die wanne voll

Was macht man, wenn die Oberschenkel brennen und der Kopf rattert? Sarah Wachter, 26, WM-Silberheldin und BVB-Schlussfrau, gibt den Einblick, den sonst keiner liefert: „Wir haben die Badewannen voll Eis gepackt, uns reingesetzt, dann fett Nudeln runtergespült, damit die Kohlenhydratspeicher wieder voll sind, danach auf die Massagebank. Und dann versuchen wir zu schlafen – viel und lange.“ Klingt simpel, ist aber ein Hochleistungsprogramm. Denn Schlaf ist, wenn du wegen des Pokals kaum ein Auge zubekommst.

Wachter lacht, aber nur kurz: „Ich war schon vor dem Halbfinale so nervös, dass mir die Hand zitterte. Einschlafen? Drei Minuten, wenn ich Glück habe.“ Die Keeperin ist kein Einzelfall. Im Dortmander Lager schlafen Handys früher ein als Spielerinnen.

Mentaltrainerin alisha lenz dreht an der schraube

Mentaltrainerin alisha lenz dreht an der schraube

Während Dortmund physio- und ernährungstechnisch nachlegt, arbeitet Bensheim auf der grauen Zelle. Ilka Fickinger, 44, Trainerin der Flames, holte vor Wochenfrist Alisha Lenz (27) aus Frankfurt an den Bergsträßer. Vier Sitzungen, Einheiten auf dem Feld, Videoanalysen – und plötzlich steht eine Mannschaft im Strafwurf, die sich nicht mehr selbst zerfrisst.

„Die Mädels wurden mutiger, selbstbewusster, nervenstärker“, bilanziert Fickinger. Besonders im Siebenmeterwurf gegen den THC bewies Bensheim Gelassenheit, während der Favorit zitterte. Mental-Coach Lenz zeigte Atemtechniken, half bei der Visualisierung – und schickte der Trainerin selbst ein Stück Ruhe. Fickinger: „Normalerweise schlafe ich vor Spielen innerhalb von drei Minuten. Gestern lag ich wach und habe gezählt: vier Atemzüge ein, vier aus. Das rettet den Kopf.“

400 Fans reisen mit – und ein ganzes dorf erwartet den pott

400 Fans reisen mit – und ein ganzes dorf erwartet den pott

400 Bensheimer Anhänger buchten Extra-Züge, um in der Porsche-Arena mitzufeiern. Für den kleinen Verein mit dem schwer ausbuchbaren Namen wäre ein Pokalsieg so groß wie der Aufstieg der Sensenmannschaft in die Bundesliga. Dortmund hingegen trägt die Last der 29-jährigen Wartezeit. Sponsor Evonik druckt Extra-Trikots, der Klub schaltet Großleinwände – der Druck ist messbar in Bar.

Die BVB-Frauen haben die schwerere Ausgangslage: Sie gelten als Favorit, müssen liefern. Bensheim kann nur gewinnen, selbst Silber wäre historisch. Fickinger: „Wir haben nichts zu verlieren. Aber wir wollen alles holen.“

Beide Teams haben ihre Rezepte: Dortmund kühlt Muskeln, Bensheim kühl den Kopf. Am Ende entscheidet, wer das Eis schneller schmelzen lässt – und wer die Nerven länger auf Eis legt. 16.30 Uhr, Stuttgart. Ein Pokal wartet, 29 Jahre alter Sehnsucht gegen neue Mentalität. Wer zittert, verliert. Wer träumt, gewinnt vielleicht endlich.