20 Jahre warten endet: deutsches para-eishockey erobert die bühne zurück

Zwanzig Jahre lang war die deutsche Nationalmannschaft im Sledge-Eishockey nur Zuschauer. Jetzt rattert der Schlitten wieder über paralympisches Eis – und das mit einem Trainer, der zuletzt die US-Stars zu Gold massierte.

Der lange marsch aus der feierabendliga

Peter Willmann, Spitzname „Peewee“, legt die Hände an die Bande, atmet tief durch und schaut auf seine neue Heldenriege. Der Ex-Physiotherapeut der US-Boys hat Weltmeister in NHL-Kabinen geknetet, doch dies hier ist ein anderes Kalkül: 18 Spieler, vier davon seit Turin 2006 dabei, die meisten nach der Spätschicht auf dem Eis. „Wir sind hier, um Erinnerungen zu sammeln“, sagt er, und man glaubt ihm sofort, weil seine Stimme rau klingt wie Eisstaub.

Die Qualifikation war kein Kunststück, sondern ein Kraftakt. Platz fünf bei der WM in Buffalo, ein 5:2 gegen die Slowakei, danach Jubel wie nach einem Titel. Jörg Wedde, 60, Medizintechniker, erinnert sich: „Da haben wir verstanden: Wir sind noch lange nicht alt, wir sind nur lange weggewesen.“

China, usa, italien – die gruppe der träume und albträume

China, usa, italien – die gruppe der träume und albträume

Samstag, 13.35 Uhr, Livestream, beste Sendezeit. Gegner China. Ein Team, das seit Monagetraining in Vollzeitbetrieb schwitzt. Die Amerikaner bringen Profis, die Kanadier ebenso. Die Deutschen bringen Herz, Hobby und Jano Bußmann, 18, der damals noch nicht einmal gezeugt war, als Deutschland zuletzt dabei war. „Ich kenne die WM-Titel nur aus YouTube“, sagt er und lacht, als wäre das kein Nachteil.

Torwart Simon Kunst, selbst Sparkassen-Mitarbeiter, redet klartext: „Gegen USA und China werden wir verlieren. Unser Finale beginnt in der Verlierer-Runde.“ Ein offenes Geheimnis, das keiner beschönigt. Fünfter Platz wäre ein Triumph, jeder Treffer ein Sieg.

Einmal pro woche schlitten statt karriere

Einmal pro woche schlitten statt karriere

Die Hannover Ice Lions, vierfacher Meister, trainieren dienstags ab 22 Uhr, wenn die Freizeitliga die Eisfläche räumt. So sieht der deutsche Spitzenbetrieb aus. Kein Cent Flugcharter, kein Hockey-Internat, dafür Kufen, die manchmal aussehen, als hätten sie schon zwei Kriege überstanden. Und trotzdem: Die Quote der Leidenschaft liegt bei 100 Prozent.

Die Bilder aus Mailand sollen mehr sein als eine Fußnote. Sie sollen ein Startschuss sein. Denn wenn Jano Bußmann im Livestream trifft, vielleicht sogar gegen Italien, dann schauen vielleicht ein paar Kids in Hamburg oder München und denken: „Das will ich auch.“ Das wäre der größte Sieg, den man sich erhoffen kann.

Peter Willmann hat eine goldene Regel mitgebracht: „Medaillen kommen in die Schublade, Erinnerungen bleiben im Kopf.“ Die deutschen Jungs und ihr 60-jähriger Routinier werden jetzt Erinnerungen sammeln – auf einem Eis, das sie 20 Jahre lang verwehrt blieb. Wenn sie dabei ein Tor schießen, die Halle tobt und die Kamera auf die Uhr zoomt, ist das schon jetzt mehr wert als Silber oder Bronze.