14 Stunden asphalt, 60 minuten k.o.: kretzschmars verlorenes finale

Stefan Kretzschmar hasste schon immer Fliegen, aber am Samstag hasste er vor allem die A19. 670 Kilometer nach Mannheim, 670 Kilometer zurück – 14 Stunden am Stück, nur um seiner Tochter die Tränen abzutrocknen. Lucie-Marie Kretzschmar, 25, Drehkreuz der HSG Bensheim/Auerbach, verließ die SAP Arena nicht als Pokalsiegerin, sondern mit geröteten Augen und der Silbermedaille um den Hals, die sich anfühlte wie Blei.

Papa stand hinterm tor, dortmund stand im weg

Die Rot-Weissen hatten alles auf eine Karte gesetzt. 25 Tore reichen selten gegen den BVB, der mit 30 wirft und jeden Konter wie ein Geländefahrzeug durchzieht. Als Schiedsrichterin Stein mit Rot auf Meike Schmelzer zeigte – 32. Minute, 18:19 –, war die Partie gelaufen. Schmelzer, Ex-Nationalspielerin und emotionaler Anker, sackte auf die Hocke. „Ich war einfach zu spät, da gibt’s kein Sorry“, sagte sie später, die Stimme zerschlagen. Ohne sie lief das Spiel wie ein Auto ohne Zündkerze.

Lucie-Marie hatte noch drei Treffer auf dem Konto, doch ihre Statistik interessierte ihren Vater ohnehin nicht. Stefan, einst selbst Haar- und Handball-Idol, schlüpfte nach dem Abpfiff durch eine Seitentür, umarmte seine Tochter, als wolle er die komplette Saison in eine einzige Umarmung pressen. „Für mich bist du Siegerin“, sagt er, „egal, was die Anzeigetafel behauptet.“

Flugangst, autobahnrast und die play-offs am horizont

Flugangst, autobahnrast und die play-offs am horizont

Kretzschmar senior leidet unter Flugangst, deshalb der Roadtrip. Er fuhr um 5:00 Uhr los, trank an der Raststätte Harz einen überteuerten Kaffee und erreichte Mannheim, als die Teams noch in der Kabine standen. Nach dem Schlusspfiff startete er sofort den Rückmarsch, weil am Sonntag ein Termin in Berlin wartet. „Sieben Stunden hin, sieben Stunden zurück – das ist nicht heroisch, das ist Vater sein“, sagt er und zuckt mit den Schultern.

Lucie-Marie wird mit dem Teambus zurückfahren, aber schon am Donnerstag hat sie vier freie Tage. Dann will Papa Tochterzeit, ohne Handball, ohne Medien, ohne A19. „Die vier Tage gehören nur uns beiden“, sagt Kretzschmar und lächelt erstmals an diesem Tag.

Die Flames haben noch eine Chance: Die Play-offs starten in drei Wochen. Dort trifft Bensheim erneut auf Top-Teams, und mit etwas Gluss und weniger Verletzten könnte aus der Silbermedaille doch noch Gold werden. Lucie-Marie ist bereits Welt- und Europameisterin im Beachhandball, doch der erste Hallentitel fehlt. Ihr Vater wird wieder am Steuer sitzen – 670 Kilometer, 14 Stunden, einmal quer durch die Republik. Flugangst hin oder her, Asphalt ist billiger als Tränen.