Simeone fliegt blind ins bernabéu

Kein einziges Mal hat Diego Simeone seine Startelf geprobt. Heute, im dritten Derby der Saison, muss der Atlético-Coach auf Instinkt treffen – weil der Terminkalender keinen Zentimeter Luft lässt.

Mitte der woche noch in london, jetzt der klassiker

Mitte der woche noch in london, jetzt der klassiker

Die Rückkehr von der Champions-League-Partie gegen Chelsea war am Donnerstagmorgen, die Beine noch schwer vom englischen Rasen. Training? Nur Regeneration. Taktik? Im Kopf. Elf feste Namen? Fehlanzeige. Simeone wird seine Aufstellung erst 90 Minuten vor Anpfiff in der Kabine ans Brett kratzen – und selbst dann bleibt Raum für spontane Kurskorrekturen.

Die größte Frage steckt im Zentrum: Llorente bleibt als Acht oder rutscht raus auf die rechte Abwehrseite? Fällt er zurück, fliegt Molina auf die Bank, Koke rückt nach. Eine Kettenreaktion, die das gesamte Mittelfeld verschiebt. Dabei ist Llorente nur ein Teil des Rätsels.

Wer bildet die Doppelfaust neben Hancko? Giménez war zuletzt Erster, doch Le Normand wirft mit seiner linken Führungshand ein stärkeres Gewicht in die Waagschale. Und links vorne? Baena liefert Sicherheit, Lookman aber die Dribblings, die Real in der letzten Saison fast den Kopf gekostet hätten. Nico Williams wäre die dritte Option – ein Turbo, der aber defensiv Lücken lässt.

Die vermutliche Aufstellung liest sich wie ein Entwurf: Musso – Molina, Giménez, Hancko, Ruggeri – Giuliano, Llorente, Cardoso, Baena – Álvarez, Sorloth. Doch hinter jedem Namen steht ein Asterisk. Kein einziger Spieler kann sicher sein, dass er um 21.00 Uhr im Tunnel steht.

Simeone selbst spielt den coolen Sheriff: „Wenn die Kurven kommen, wissen die Jungs, was ich denke.“ Gemeint ist Álvarez, doch der Satz gilt der ganzen Truppe. Der Argentinier verlässt sich auf Bilder aus vergangenen Clásicos, auf die Chemie, die sich in den letzten Wochen in der Kabine aufgebaut hat. Ob das reicht, um Bellingham & Co. in Schach zu halten, wird sich zeigen.

Real wartet mit einer definierten Elf auf, Atlético mit einem Puzzle. Das Bernabéu wird pfeifen, wenn die Lautsprecher die Gäste ansagen. Und irgendwo im Getümmel steht ein Trainer, der nie probiert hat, was er jetzt lebt. Manchmal ist Fußball eben auch Roulette – nur dreht Simeone das Rad zum dritten Mal in dieser Spielzeit.