Márquez siegt in goiânia – und lügt sich selbst an

Die Armmuskeln zittern, die Schulter brummt – und trotzdem steht Marc Márquez wieder ganz oben. Der Spaner gewann den Sprint von MotoGP-Goiania, riss die Arme hoch, als hätte er die Welt verschluckt. Dann kam die Frage nach der Wahrheit. Und die klang wie ein Seitenhieb gegen sich selbst.

„Ich fahre noch nicht wie ich will“

Im Interview mit DAZN räumte der achtmalige Weltmeister ein, was die Kameras nicht zeigen: Er surft auf dem Limit, aber eben nicht seinem Limit. „Ich sehe die Rennen von außen, die Geschwindigkeit stimmt, die Zeiten auch. Aber wenn ich oben auf der Ducati sitze, bin ich steif, ein bisschen wie ein Holzfäller auf einem Rodeo-Pferd“, sagt er und lacht – halb. Die Linkskurven, einst seine Paradedisziplin, werfen ihn raus aus der Flow-Zone. „Ich komme rein, aber ich löse mich nicht. Das ist der Unterschied zu Quartararo. Der lebt die Ducati, ich bediene sie gerade noch.“

Die Zahlen bestätigen das psychologische Splitting. Quartararo dominierte die Sektoren 1 und 4, Márquez dagegen die Mittelpassagen 2 und 3. Zwei Fahrstile, zwei Philosophien – und ein Sieg, der mehr nach Taktik schmeckte als nach Dominanz. „Ich hab gewartet, bis er den Fehler macht. Als er wegrutschte, war ich da. Kein Heldenmut, nur kalte Kopfrechnung“, gesteht Márquez. Zweiter Platz wäre okay gewesen, sagt er. Der Sieg ein Geschenk.

Neue strecke, alte schmerzen

Neue strecke, alte schmerzen

Der Circuit in Goiânia ist für alle ein Blindflug, für Márquez jedoch ein Déjà-vu seiner Reha-Hölle. Nur 13 Runden Sprint – das reichte, um die Schmerzrezeptoren unten zu halten. „Wenn die Rennlänge morgen normal wäre, würde mir das Feuerwerk in der Schulter ausbrechen. Punkt eins: heute keine Schmerzen. Punkt zwei: morgen kann das anders aussehen.“

Sein Trainerteam habe in den vergangenen zwei Wochen „einen kleinen Schritt“ eingebaut, körperlich wie mental. Doch der Zug ist noch nicht in voller Fahrt. „Ich muss lockerer werden, sonst bleibe ich ein Dauerpatient auf der schnellsten Maschine der Welt.“

Ein loch in der startphase, ein loch in der seele

Ein loch in der startphase, ein loch in der seele

Den emotionalen Knall gab es schon vor dem Start. Wegen eines Asphaltlochs auf der Startgeraden wurde das Rennen unterbrochen, die Piloten zurück in die Box. Márquez‘ Ritual brach zusammen. „Du bereitest dich vor, dein Inneres auf 37 Grad, dann kommst du raus, und alles ist leer. Für jeden das Gleiche, klar. Aber für mich fühlt es sich an, als würde man dir das Herz rausoperieren und wieder einpflanzen – in fünf Minuten.“

Die Stewards flickt das Loch, das Rennen lief – und Márquez nutzte die Sekunde des Fabio-Fehlers. Doch er weiß: Solche Geschenke bleiben selten. „Wenn wir morgen dieselbe Pace brauchen, muss ich mich in die Ducati setzen, nicht auf sie. Sonst holt mich Quartararo zurück – und dann zählt kein Loch mehr.“

Die Meisterschaft ist lang, die Schulter noch länger. In Goiânia gewann Márquez einen Sprint. Die wahre Reise beginnt, wenn er wieder fliegt statt nur zu fallen – und aufhört, sich selbst anzulügen.