Shiffrin krallt sich kristall-kugel nach chaos-1. lauf: „ich dachte nur: oops“

Mit 17. Platz nach Durchgang eins fehlten ihr im Slalom-Finale die Punkte – trotzdem streckt Mikaela Shiffrin am Sonntag in Hafjell die Arme gen Himmel und packt die sechste große Kugel ihrer Karriere. Die 31-jährige US-Amerikanerin rückt damit in der Ewigen-Bestenliste der alpinen Ski-Königinnen neben Annemarie Moser-Pröll auf Rang eins.

„Uh-oh, oopsie“ – der erste lauf, der alles drehen wollte

Shiffrin selbst kann noch kaum fassen, wie schnell eine Saison vorbeizieht, die plötzlich nach einer Fahrt ins Risiko roch. „Ich fuhr die erste Hälfte okay, dann verlor ich das Timing, das Gefühl, den Faden. Und da war nur noch: Uh-oh, Oopsie“, sagt sie SRF-Reporter Lars Hubrich mit jenem verschmitzten Grinsen, das ihre Fans kennen – ein Grinsen, das an diesem Nachmittag aber lange ausblieb.

Die Konkurrentinnen Emma Aicher, Lena Dürr und Petra Vlhova rissen Sekunden raus, während Shiffrin im Zielraum von Hafjell die Skispitzen in den Schnee bohrte. Rang 17, Null Punkte – die Mathematik schien zusammenzubrechen.

Mathe statt magie – warum der titel trotzdem fiel

Mathe statt magie – warum der titel trotzdem fiel

Die Rettung lieferte nicht einmal ihre Aufholjagd im zweiten Lauf, sondern die Tabelle. Denn die Italienerin Federica Brignone, einzige Verfolgerin mit theoretischem Kugel-Chance, schied ebenfalls weit vorne aus. Die Punkte-Gleichung kippte in Shiffrins Richtung, ehe sie überhaupt die Startnummer 1 übernahm.

Im Ziel herrschte Verwirrung. „Mein Servicemann umarmte mich und rief: ‚Das war’s!‘ Ich sagte nur: ‚Nein, ist es nicht. Erst mal nachrechnen‘“, erzählt Shiffrin. Kurz darauf flossen Tränen – diesmal nicht wegen eines Sturzes, sondern wegen der Gewissheit, dass die sechste große Kugel unanfechtbar in ihrem Gepäck nach Vermont fliegt.

Status gefeilt, demut geblieben

Status gefeilt, demut geblieben

Seit 2012 dominiert Shiffrin die technischen Disziplinen. 97 Weltcupsiege stehen in ihrem Pass, kein anderer Aktiver ist auch nur nah dran. Doch statt von Rekorden spricht sie von „Team-Puzzleteilen“. „Ich fahre allein den Hang hinunter, aber das Vertrauen, das mir mein Trainerstaff, die Waxer, die Physios entgegenbringen, das macht den Unterschied aus“, sagt sie und betont, dass die Kristall-Kugel „ein Symbol für all die Gesichter hinter der Kulisse“ sei.

Die Saison war lang, die WM-Titel in Saalbach verpasst, die Kraftreserven angeknabbert. Shiffrin wirkt erschöpft, aber unverdrossen. „Ich bin müde. Aber ich bin auch glücklich. Und das zählt.“

Was die sechs kugeln bedeuten

Mit ihrer Sammlung zieht Shiffrin mit Moser-Pröll gleich, bleibt aber noch zwei Gesamtweltcup-Siege hinter Marcel Hirscher zurück. Die nächste Jagd beginnt im Oktober in Sölden. Shiffrin selbst lacht: „Ich weiß, dass die Zahlen irgendwann lauter sprechen als ich. Aber heute Abend trinke ich erst mal Tee und schaue, wie mein Hund sich über norwegischen Schnee freut.“

Die Botschaft ist klar: Auch die Größte kann zittern, rutschen, „Oopsie“ sagen – und trotzdem gewinnen. Der Slalom in Hafjell wird als Lehrstück in die Skihistorie eingehen: eine Lektion darüber, dass Sport nicht nur Siege schreibt, sondern auch die Kunst, eine Niederlage im richtigen Moment abzulegen.