Schindler und pietreczko: die totgesagten von frankfurt
Frankfurt – 19 Uhr, Festhalle, Mikrofone auf Sturm. Martin Schindler schlüpft in die Rolle des Provokateurs und genießt sie: „Wenn alle schon Grabschändung betreiben, blasen wir den Sarg halt wieder auf.“ Gemeint ist der Spruch, den er und Ricardo Pietreczko zum Motto erklärt haben – „Totgesagte leben länger“ – und gemeint ist damit vor allem die eigene Formkurve.
Die rechnung der zweifler
Die Mathematik ist grausam: Zwischen Februar und Mitte Mai holt „Pikachu“ nur drei Siege aus 19 Turnieren. Eine Quote, die auf sozialen Netzwerken lautes Kopfrechnen anregt: Lieber Niko Springer auf Position zwei, lautet die Devise der Mehrheit. Denn hinter der niedlichen Spitznamen-Fassade steckt eine Blockade, die ihre eigene Physik besitzt: Dartitis. Muskelzucken, Zielverlust, Frust – alles in einem Wurf.
Schindler weigert sich,lich, das Spiel hinzuwerfen. „Ricardo hat mir das Vertrauen gegeben“, sagt er, als spräche er über einen Kumpel, den er mitten in der Nacht aus dem Straßengraben zieht. Und genau das ist der Punkt: Beide haben 2025 nichts zu verschenken, aber alles zu beweisen.

Gruppe der leisen schreie
Die Auslosung verspricht kein Selbstläufer. Philippinen, Neuseeland – keine Superstars, aber jede Menge Stolpersteine. Nur der Gruppensieger rutscht ins Achtelfinale, wo England, Schottland, Niederlande und Nordirland bereits lauern. Das deutsche Team hat Heimrecht, nicht mehr. „Die Halle wird kochen, 30 Kilometer von meinem Wohnzimmer entfernt“, sagt Schindler. Man hört das Knistern, bevor der erste Pfeil fliegt.
Die Erinnerung an 2025 sitzt tief: Damals schmetterten Schindler/Pietreczko die beiden Lukes – Littler und Humphries – aus dem Turnier und schrieben die größte Sensation der jüngeren Darts-Geschichte. „Wir waren die einzigen in der Halle, die daran geglaubt haben“, lacht Schindler heute. Diesmal glauben es kaum noch.

Die wette auf den neustart
Am Donnerstagabend wird Pietreczko die ersten drei Darts in die Arena schleudern. Die Festhalle wird zittern, nicht vor Begeisterung, sondern vor Ungeduld: Schafft er es,, die Blockade in den Griff zu bekommen? Oder wird die Kritik doch recht behalten?
Schindler jedenfalls tippt auf Comeback statt K.o. „Wenn wir die Gruppenphase überstehen, ist das schon ein Sieg“, gibt er unumwunden zu. Die Rechnung klingt simpel, das Drama dahinter nicht. Denn egal wie das Duell gegen Philippinen und Neuseeland endet: Die beiden Deutschen haben längst bewiesen, dass sie auch mit dem Rücken zur Wand noch treffen können. Und wenn nicht? Dann blasen sie eben das nächste Schild hoch.
