Sandy adam packt aus: warum dorfvereine ohne ehrenamt kollabieren

Brandenburg hat 1,2 Millionen Vereinsmitglieder – und bald keine, die ihnen den Ball aufschlagen. Professor Sandy Adam zeigt im rbb-Interview, warum das Netz aus Sportplätzen und Ehrenamtlichen reißt, bevor der nächste Ansturm kommt.

„Der letzte funktionierende demokratieclub“

Adam bringt es auf einen Satz: „Wenn der Sportverein kippt, kippt das Dorf.“ Keine Kirche, kein Dorfkrug, kein Bus – aber immer noch ein Rasenplatz mit verrosteten Toren. Dort wird gewählt, geschwitzt, gefeiert und integriert. Geflüchtete finden hier den ersten Anschluss, Rentner den zweiten Frühling, Kinder das erste Mal Anerkennung außerhalb der Schulbank.

Die Zahlen sind laut, die Lage leise. 16 Prozent der Brandenburger sind organisiert – im Westen sind es doppelt so viele. Die DDR hinterließ staatliche Sportklubs statt bürgerschaftlicher Kultur. Nach der Wende platzte das Konstrukt, und die neuen Vereine bauten sich aus Luft, Idealismus und Kuchenbasaren. Heute fehlt vor allem eins: Personal.

Die infrastruktur-lücke frisst mitglieder

Die infrastruktur-lücke frisst mitglieder

Adam zieht eine klare Grenze: „Städter wählen zwischen Run-Club, Crossfit-Box und 24-Hour-Fitness. Auf dem Land gibt es nur den einen Rasen – und der ist Samstag Vormittag besetzt.“ Doch selbst dieser Rasen wird zur Falle. Hunderte Vereine in Brandenburg melden Wartelisten, weil keine Übungsleiter da sind. Turnhallen bleiben Samstags verschlossen, weil der Hausmeister im Ruhestand ist und keiner den Schlüssel übernimmt.

Die Lösung? Nicht noch ein Förderprogramm, sondern ein Systemwechsel. Adam fordert: „Wir müssen endlich anerkennen, dass der Sportverein Daseinsvorsorge ist – wie Wasser, Strom, Internet.“ Das bedeutet: Gehälter für Vereinsmanager, kommunale Stellen für Sportkoordinatoren, Ausbildungsplätze für Übungsleiter statt nur Ehrenamtszertifikate.

Die mitgliederkurve trifft auf die alterskurve

Die mitgliederkurve trifft auf die alterskurve

Die Boomer gehen in Rente – und mit ihnen der Kassenwart, der seit 1983 die Beiträge per Quittungsblock einsammelt. Adam warnt: „Wenn wir jetzt nicht investieren, kippen nicht nur Vereine, sondern ganze Regionen in die Dauerkrise.“ Jugendliche wollen flexible Trainingszeiten, digitale Anmeldung und qualifizierte Trainer. Das alles kostet Geld, das Kommunen nicht haben, weil es keine Pflichtaufgabe ist.

Die Folge: Private Anbieter springen ein, aber nur dort, wo sich Rendite rechnet. Dorf Nummer 47 bleibt auf der Strecke. Adam: „Dann steht der Sportplatz bald so leer wie die Bushaltestelle davor.“

Am Ende bleibt ein Appell, der klingt wie eine Drohung: „Wer jetzt spart, spart sich die Zukunft weg.“ Die 1,2 Millionen Mitglieder sind kein Selbstläufer – sie sind ein Warnsignal. Wenn die nächste Generation nicht übernimmt, wird der Anker zur Last. Und das Dorf sinkt.