Rothfuss weint tränen des wahnsinns: vierter platz, erster sieg über sich selbst

Ein „4“ leuchtet am Tor. Für Andrea Rothfuss ist das eine Endziffer, die sie in Tränen ausbrechen lässt – nicht aus Frust, sondern aus purem Stolz. Nach 660 Tagen ohne Weltcup, nach Depressionen, Schlafstörungen und dem Gefühl, „gar nichts mehr gehen zu lassen“, ist die 36-Jährige beim Super-G der Paralympics 2026 auf Rang vier gefahren. Podest? Knapp verpasst. Die Message? Angekommen.

Von der ziehung der reißleine bis zum neuanfang in cortina

Die Bilanz klingt wie ein Lehrbuch der Resilienz: 14 Medaillen bei fünf Winterspielen, dazu fünf WM-Titel. Doch die Zahlen lügen nicht über das, was 2024/25 dahinter geschah. Infekte, Erschöpfung, dann der Kollaps. „Ich habe gemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt“, sagt Rothfuss rückblickend. Sie brach die Saison ab, suchte therapeutische Hilfe und verschwand vom Radar des Skizirkus.

Der Weg zurück begann mit 15 Kilo Hanteln statt 100 Kilometer pro Woche. Vier Monate später stand sie im Kraftraum – und schaffte kaum drei Sätze. „Es hat mich komplett aus dem Leben geschossen“, erinnert sie sich. Training wurde zur Dosisfrage: ein Tag belastbar, nächster Tag Bank. Die Qualifikation für Mailand-Cortina schien ein Phantomziel, bis der Deutsche Skiverband sie in den Ergänzungskader stellte. Zweimal Top-five oder nichts. Rothfuss lieferte drei Podestplätze in Folge und buchte das Ticket nach Italien.

Warum der vierte platz ihr größtes gold sein könnte

Warum der vierte platz ihr größtes gold sein könnte

Im Zielraum von Cortina bricht sie zusammen, lacht und weint gleichzeitig. „Wahnsinn“ ist das einzige Wort, das ihr bleibt. Kein Medaillenregen, keine Quote, keine Quote, keine Quote – einfach ein „4“, der wie ein Sieg über sich selbst aussieht. „Dass es so schnell funktioniert, hätte ich nicht gedacht“, sagt Rothfuss. Ihr Körper habe sich „stabiler“ angefühlt, das Selbstvertrauen kehrte mit jedem Schwung zurück.

Die Konkurrenz ist jünger, die Prothesen leichter, die Slalom-Stangen enger. Doch Rothfuss spürt etwas, das Statistiken nicht erfassen: dass sie sich selbst nicht mehr verlieren muss. Die 15. Paralympics-Medaille? „Sekundär“, sagt sie. Wichtiger ist das Gefühl, wieder ganz auf der Piste zu stehen – und nicht mehr neben sich.

Nächster Lauf: Slalom. Die Favoritin heißt Anna-Maria Rieder, die Zeitplanung nennt Mittwoch. Rothfuss lacht verschmitzt: „Ich gehe einfach an den Start und gebe Gas. Zum Schluss sehen wir, was dabei herauskommt.“ Für sie hat schon der vierte Platz eine Farbe: Gold. Und Gold schmeckt nach 660 Tagen Wüste einfach nur nach Heimat.