Rivera packt aus: so würde er leão zum torjäger machen

Gianni Rivera sitzt nicht gern still. Mit 82 Jahren jagt er von Talk zu Talk, signiert Erinnerungen, gibt Antworten – und liefert nebenbei ein Trainingskomplott für Rafael Leão ab.

Rivera würde den portugiesen sofort auf die zehn stellen

„Ich würde ihn füttern“, sagt der Goldjunge von 1969 und zeigt mit flacher Hand die Laufrichtung. „Er liebt Räume, ich liebe Passstafetten. Geben, zurück, durch die Schnittstelle – Tor.“ Mehr braucht Rivera nicht, um sich ein Lächeln abzuringen, das seit Sonntagabend durch Mailand geht. Dort hatte Gattuso in der Bogenschluss-PK betont, dass Italia in Bosnien nur eine Richtung kennt: Sieg, sonst droht erneut die Relegation. Rivera nickt, aber er redet nicht über Playoff-Angst. Er redet über Leão, der im 3-5-2 als falscher Neuner hängt und sich wundert, warum die Bälle so selten ankommen.

„Der Junge hat Tempo im Kopf, nicht nur in den Beinen“, sagt Rivera und erinnert sich an eigene Sprinte. 13. Mai 1962, Heysel-Stadion, Belgien-Italien 1:3. „Ich war 18, hatte die Nummer 8, neben mir Altafini mit der 9 – zwei Tore, beide aus meinem Slip.“ Die Statistik spricht für ihn: In 60 Einsätzen für die Squadra Azzurra lieferte der Mittelfeldstratege 14 Assists, ein Schnitt, den selbst Pirlo nur knapp überbietet. „Heute würde ich Leão dieselben Löcher zeigen“, sagt er und tippt auf ein leeres Espressogläschen. „Dazwischen. Da muss der Ball durch.“

Milan ohne italienisches dna – riveras diagnose

Milan ohne italienisches dna – riveras diagnose

Die bittere Kehrseite des Enthusiasmus: In Riveras Heimatclub laufen nur noch zwei Italiener auf – Bartesaghi und der verletzte Gabbia. „Früher waren wir sieben aus dem eigenen Stall, heute kommt der Trainer mit dem Flugzeug und der Präsident mit dem Privatjet“, sagt er und schiebt der internationalisierten Serie A eine Lektion hinterher: „Wenn wir keine eigenen Talente mehr bilden, singt bald niemand mehr die Inno di Mameli in der Kabine.“ Die Zahlen untermauern seine Klage: Erst 28 Prozent der Spieler unter 21 in der laufenden Saam意甲 stammen aus italienischen Nachwuchsleistungszentren, 2010 waren es noch 54. „Der Fußball ist schneller geworden, aber der Pass muss wieder italienisch sein“, fordert Rivera und meint damit weniger den Geburtsort als die Spielkultur: Erste Ballannahme, Kopf hoch, sofort Entscheidung.

Die Entscheidung für Gattuso fällt indessen leichter. „Er hat die Gruppe, er hat die Wut, er hat die Idee“, sagt Rivera und zählt auf: Tonali-Reset, Scamacca-Integration, Udogie-Druck nach vorn. „Rino ist kein Taktikfuchs, der mit Kreide quadratisch denkt. Er denkt in Emotionen – und die tragen die Spieler.“ Dass der Trainer vor Bosnien auf keinen Milan-Profil setzt, stört Rivera nicht. „Nationaltrainer ist kein Klubposten, sondern ein Staatsauftrag. Wenn wir in Mexiko stehen, zählt nur das Azteca, nicht das San Siro.“

Dort, im Azteca, hängt eine Messingtafel: Italien-Deutschland 4:3, 17. Juni 1970. Rivera war dabei, erlebte das erste Elfmeterschießen eines WM-Viertelfinales, den 104. Treffer der Partie. „30 Millionen Italiener vor den Röhren, wir haben geweint, gelacht, gewonnen – und trotzdem den Pokal nicht geholt“, sagt er. Diesmal will er keine Tränen riskieren, sondern eine Prognose wagen: „Wenn Leão die Zehn bekommt und meine Läufe sieht, schießt er drei Tore in der Gruppenphase. Dann braucht Italien kein Elfmeter-Drama.“

Er steht auf, lässt den Espresso stehen. Draußen wartet ein Taxi, drinnen warten die Fans auf Selfies. Rivera nimmt sein Jackett, grinst und wirft noch einen Satz über die Schulter: „Wenn ich 20 wäre, würde ich sofort unterschreiben – als Spielmacher für Leão.“ Die Tür fällt ins Schloss. Die Message bleibt: Der alte Meister glaubt an den neuen Sturm, solange der Pass italienisch bleibt.