Ricken schluckt: schlotterbeck hätte vor 70.000 zuschauern fliegen müssen
Der BVB-Sportchef räumt ein, was jeder TV-Zuschauer sah: Nico Schlotterbeck war beim 2:3 gegen Bayern mit einem Bein im Strafraum, mit dem anderen schon auf dem Weg zur frühen Dusche. Die Grätsche gegen Josip Stanišić in Minute 13 war ein Klassiker aus dem Lehrbuch „Rote Karte, kein Diskussionsstoff“. Doch Schiedsrichter Daniel Siebert zückte Gelb – und Lars Ricken atmete durch.
„Wir hatten glück, ganz klar“
Im ZDF-Sportstudio ließ der Dortmund-Geschäftsführer keinen Zweifel daran, dass seine Mannschaft mit dem Schiedsrichtergespann ein Schwein gehabt hatte. „Die Intensität war brutal, das Bein kommt viel zu hoch“, sagte er und bestätigte damit die Einschätzung von Schlotterbeck selbst, der nach Abpfiff ebenfalls einräumte, dass Rot legitim gewesen wäre. Der DFB-Kontrollausschuss wird nun prüfen, ob nachträglich noch ein Bann ausgesprochen wird – für Schlotterbeck eine mögliche Auszeit, für den BVB ein Debakel.
Die Szene wirft ein Schlaglicht auf die prekäre Lage der Schwarz-Gelben: Ohne Schlotterbeck droht die nächste personelle Schieflage in der Abwehrzentrale, wo Nico Hummels bereits wegen muskulärer Probleme nur noch auf Sparflamme läuft und Mats Pochettino-Nachwuchs Tom Rothe noch nicht bundesligareif wirkt. Die Leihgabe von Benjamin Pavard im Sommer war ein Offensiv-Traum, wird aber zur Defensiv-Tragödie, wenn Schlotterbeck gesperrt ausfällt.

Deutsche regelkultur vs. internationales publikum
Ricken lieferte neben dem Eingeständnis auch ein Stück Selbstkritik an der heimischen Fußball-Kultur ab. „Wir Deutschen diskutieren sofort über Gelb-Rot, wenn jemand über die Bande springt“, ärgerte er sich über die Debatte um Schlotterbecks Jubel-Ausflug nach seinem 1:0. „200 Länder schauen zu, und wir erklären der Welt, dass ein Spieler für ein bisschen Fan-Kontakt den Platz muss. Das ist peinlich.“ Der Vorstandsvorsitzende spielt damit auf die unterschiedliche Toleranz in Europa an – in England winkt man beim Crowd-Surfing ab, in Spanien jubelt man mit den Ultras auf der Plexiglas-Wand. Nur in Deutschland wird aus einem Schritt über die Linie noch ein Ordnungsdelikt.
Die Ironie: Genau diese deutsche Regel-Strenge könnte Schlotterbeck nun treffen. Das DFB-Sportgericht hat in der Vergangenheit Bandenspringer mit Gelb-Rot belegt, wenn sie als Provokation werteten. Dass Schlotterbeck lediglich seine eigene Fans umarmen wollte, interessiert die Statuten kaum – es zählt nur die Tatsache, dass er den Spielfeldbereich verließ.
Verlängerung statt sperre – der bvb plant trotz risiko
Während die Amateure des Verbandes die TV-Bilder durchforsten, verhandelt Sportdirektor Sebastian Kehl parallel über die Zukunft des Verteidigers. Der 24-Jährige ist bis 2027 an der Weser gebunden, doch die Ablösesumme von 42 Millionen Euro, die der BVB 2022 an SC Freiburg überwies, will der Klub nicht nur für drei Jahre Bundesliga-Einsätze amortisieren. Eine vorzeitige Vertragsverlängerung soll die Ausstiegsklausel von 60 Millionen Euro erhöhen und Interessenten wie Liverpool oder Real Madrid abschrecken.
Ricken betonte, dass „nie jemand infrage gestellt“ habe, dass sich Schlotterbeck mit dem Klub identifiziere. Doch der emotionale Torjubel, die Tränen nach dem Schlusspfiff und das Bekenntnis zu den Fans wirken wie ein Schwur vor dem Abschied. Wenn der DFB nun noch einen Spielbann nachschiebt, dürfte die Verhandlungsposition des Nationalspielers sinken – und mit ihr die Gehaltsforderung. Für Kehl ein Zocker-Poker, bei dem ein Karten-Glück für Schlotterbeck zum Vertrags-Glück des BVB werden könnte.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Ein Schiedsrichter-Fehler rettete Dortmund vor einer Vorentscheidung, doch die Nachspielzeit findet nun in den Büros statt. Sollte Schlotterbeck gesperrt werden, fehlt dem Tabellendritten nicht nur ein Abwehrchef, sondern auch ein Symbol. Denn wer über die Bande springt, um mit den Fans zu feiern, der will eigentlich bleiben – es sei denn, der deutsche Regelwächter verdonnert ihn zum vorzeitigen Abschied.
