Rom stirbt machtpatron cirino pomicino – herztransplantation und haft hatten ihn nicht gebremst

Er nannten ihn „o’ministro“ und „o’vicerè“: Paolo Cirino Pomicino, das letzte große Biest der italienischen Ersten Republik, ist tot. 86 Jahre alt, seit Tagen in der Quisisana-Klinik in Rom an Maschinen gekoppelt, erlag er am Freitag einer Sepsis. Gianfranco Rotondi, parteilich wie zugleich traurig, bestätigte der Nachrichtenagentur Ansa: „Diesmal hat er es nicht geschafft.“

Von neapel ins budgetministerium – und zurück ins gefängnis

1939 geboren, Medizin studiert, doch statt Skalpell griff er zum Stimmzettel. 1976 zog er ins Parlament ein, DC-Fraktion „Primavera“, engster Vertrauter von Giulio Andreotti. Zwischen 1988 und 1992 leitete er erst die öffentliche Verwaltung, dann das Finanzressort – jene Zeit, in der Italiens Schuldenberg sich verdoppelte und die ersten Korruptionsermittlungen laut wurden. Tangentopoli riss ihn mit: Enimont, die Riesenbestechung, ein Jahr acht Monate auf Bewährung – seine einzige Verurteilung, aber die Marke blieb. Nach dem Herzinfarkt und der Transplantation 2007 dachte jeder, er sei erledigt. Pomicino aber kehrte zurück, saß 2006 erneut im Parlament, diesmal für Mastellas UDEUR, quasselte in Talkshows über „die gute alte Zeit“ und ließ keinen Zweifel: Er bereute nichts.

Sein Bruder Bruno, Schauspieler, starb 1981 an Drogenmissbrauch – ein Schicksal, das Pomicino nie kommentierte, das aber seine Karriere zusätzlich umtreiben ließ. Wer in Neapel nachfragt, erfährt: Die Cirino Pomicinos galten als Clan, der Politiker selbst als eloquenter Machtmensch, der zwischen Camorra-Geheimnissen und dem Staatsapparat navigieren konnte.

Ein letztes foul – das ende der dinosaurier

Ein letztes foul – das ende der dinosaurier

Die Nachricht sickerte durch, während die Serie A ihre 34. Spieltag-Vorbereitung lief. Für viele Italiener ist Pomicinos Tod kein historischer Schnips, sondern das finale Aus für die alte Garde: jene Politiker, die mit Foulspiel, Charme und dem Glauben an ewige Macht regierten. Wer heute durch Rom joggt, kann die Klinik Quisisana sehen – ein heller Bau, dahinter das Tiburtino, wo die Mieten steigen und die Wähler jung sind. Dort drinnen verabschiedete sich gestern ein Mann, der nie die Segel streifte. Kein Staatsbegräbnis, keine Gedenkminute im Stadion. Nur ein paar Kollegen, die noch wissen, wie man „o’ministro“ richtig ausspricht.

Die Bilanz: 16 Jahre Parlament, drei Ministerposten, ein Herz aus fremdem Fleisch – und ein Land, das seine Geschichte nicht mehr erklären muss. Die Nachricht kommt ohne Fanfare, aber sie hat Gewicht. Denn mit Cirino Pomicino verschwindet das letzte lebende Beweisstück dafür, dass Macht in Italien einst eine Frage der Durchsetzung war – und nicht der Tweet-Länge.