Blessin zündet wm-ticker: st. pauli-coach fordert debatte vor us-turnier
Alexander Blessin will nicht wieder zusehen, wie seine Spieler zwischen Presseterminen und Protestplakaten hin- und hergerissen werden. Der Chefcoach des FC St. Pauli fordert als erster Bundesligatrainer eine öffentliche Grundsatzdiskussion vor der WM in den USA, Mexiko und Kanada – nicht erst, wenn das Eröffnungsspiel läuft.
Boykott? blessin will erst mal reden
„Ich finde es wichtig, so ein Thema davor anzustoßen. Das ist doch berechtigt“, sagte der 52-Jährige der Bild am Sonntag und spielt damit auf die Erfahrungen von 2018 und 2022 an. In Russland und Katar seien die Teams erst während des Turniers mit Menschenrechtsfragen konfrontiert worden – „vom Ablauf her falsch“, so Blessin. Seine Forderung: Positionierung des DFB jetzt, damit Spieler später Fußball statt Fragenkataloge bearbeiten.
Der Clubpräsident Oke Göttlich hatte die Debatte mit einem Boykott-Vorstoß eröffnet, landete prompt beim DFB auf der Abschussliste. Präsident Bernd Neuendorf wies die Forderung zurück, Göttlich relativierte: Er wolle nur „Denkanstöße“ geben. Blessin stellt sich vor die Führungsebene: „Es geht nicht um ein Verbot, es geht um Klarheit.“

Die wm rückt näher – der dfb schweigt
Die Endrunde beginnt am 11. Juni, 48 Nationen, 104 Partien, drei Gastgeber mit unterschiedlichen diplomatischen Agenda. Der deutsche Verband plant derzeit nur Logistik, nicht Politik. Intern signalisiert man, man wolle „die sportliche Kompetenz“ wahren. Draußen wird der Druck lauter. NGOs werfen dem DFB „Wegschauen“ vor, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fordert ein Konzept für Menschenrechte – und jetzt meldet sich eben auch noch der erste Profi-Trainer.
Für Blessin ist die Rechnung einfach: Je länger man wartet, desto größer die Gefahr, dass sich die deutsche Mannschaft in einem Turnier wiederfindet, das von Skandalen überschattet wird. Seine Spieler sollen „Kopf frei“ für Fußball haben, nicht für Fragen, ob sie sich vor laufender Kamera zur US-Gefängnisindustrie oder zu Migrantenrechten in Katar äußern sollen.
Die Uhr tickt. In 81 Tagen ist Anstoß. Der DFB hat noch kein Konzept vorgelegt, wie er mit politischen Fragen umgehen will. Blessins Appell: „Jetzt nachdenken – nicht erst, wenn die ersten Kameras laufen.“ Ein Satz, der beim Verband in Frankfurt gerade nicht gut ankommt. Aber er ist raus. Und er wird nicht der letzte sein.
